Nur fünf Minuten braucht die Seilbahn, um das Skivolk von der Talstation in Zakopane zu den Pisten auf dem Gubalówka-Berg zu bringen. Der verhangene Himmel verheißt einen tristen Tag, doch ganz plötzlich ändert sich alles. Kräftige Windstöße reißen auf dem gegenüberliegenden Bergkamm eine Bergspitze nach der anderen aus dem Braungrau der Wolken. Die Sonne bricht durch, gießt ihr gleißendes Licht über eine atemberaubende winterliche Bergkulisse, die jeder Alpenregion zur Ehre gereichen würde. Zuerst dichter Kiefern- und Lärchenwald, dann niedriges Latschengebüsch baut sich von unten auf an den dann fast senkrecht hochsteigenden, schneebedeckten Felswänden am Nordhang der Hohen Tatra. Der Blick hinunter fällt auf die Dächer der polnischen Wintermetropole Zakopane im Talkessel.

Die plötzlich frei gewordene Sicht verhilft zu einer simplen Erkenntnis: "Mini-Alpen sind das!" ruft eine junge Frau auf deutsch. Ja, die Hohe Tatra ist klein, gemessen an den Alpen - ein Gebirgsmassiv im Westentaschenformat: 51 Kilometer lang, bis zu 17 Kilometer breit, ihr höchster Gipfel, die Gerlsdorfer Spitze, ragt 2654 Meter empor und gehört, wie die gesamte Südseite der Hohen Tatra und eine große Portion ihrer Berge, zur Slowakei.

Der polnische Teil dieses höchsten, durch viele Täler reich gegliederten Gebirgsmassivs im Karpatenbogen ist gerade mal 160 Quadratkilometer klein und dennoch durchaus der Rede wert. Immerhin liegen diese "Alpen im Kleinen" Berlin und dem östlichen Teil Deutschlands geographisch bedeutend näher als Zermatt, St. Moritz oder Cortina.

Natürlich kann Zakopane mit solch vornehmer Konkurrenz nicht mithalten.

Und sicher auch wird das kleinste Hochgebirge Europas alpinen Ansprüchen an Pisten und Loipen nicht gerecht. Dafür bietet die Hohe Tatra, in ihrem polnischen wie in ihrem slowakischen Teil, Skivergnügen zu verlockenden Preisen. Wer zudem auch noch eine gehörige Portion Neugier auf andersartige Traditionen und Lust auf Erholung fernab jeder Hektik mitbringt, für den dürfte ein winterlicher Abstecher nach Zakopane nicht zur Enttäuschung geraten.

Alle zehn Minuten befördert die 1938 von Schweizern gebaute Seilbahn einige Dutzend Skifahrer und Touristen, die das herrliche Panorama genießen möchten, auf den Gubalówka-Berg. Angesichts der monumentalen Prachtkulisse gegenüber macht er mit seinen etwas mehr als 1100 Metern einen eher harmlosen Eindruck. Dennoch sind die Gubalówka-Pisten, beide knapp zwei Kilometer lang und meistens sehr bevölkert, keinem Anfänger zu empfehlen.

Es geht los unterhalb der Restaurantterrasse. Ich biege nach links in die breite, mit Mulden übersäte Lichtung ein. Bald darauf wird es halsbrecherisch. Eine schmale, eisbedeckte Rinne führt direkt auf die enge Brücke über den Gleisen der Seilbahn. Gleich dahinter kommt eine plötzliche Krümmung nach links. Auf die kurze Slalomfahrt zwischen einigen weit verstreut stehenden Bäumen folgt das Aufatmen.