Eine Menge Wirbel haben sie in Delphi gemacht, wenn die Pythia was weissagen wollte. Die Zikaden zirpten, der Weihrauch qualmte, der Thymian duftete sowieso, und die Luft war hold; dann fing die düstre Alte über ihrem Dreibein an zu wackeln und zu lallen, vorm Tempel werden ein paar getanzt haben, auch getrunken ganz sicher, weil man so eine Prophezeierei bloß im Rausch durchsteht und sie dann vielleicht sogar versteht.

Der Achternbusch-Herbert hat also wieder etliche Streifen geweissagt und Verschiedenes angedacht, hat gesponnen und gebrabbelt, mal vom Geist, meist nur vom Zwetschgengeist über die leeren Seiten getrieben, und der Regisseur Alexander Lang dekorierte die Texte, arrangierte artige Bühnenspäße als Treibmittel: Man sieht (und hört) nun in den Münchner Kammerspielen der Hefe in Achternbuschs Kopf beim Gären zu, ein Vorgang, so langweilig wie, mitunter, bei den gelegentlichen Verpuffungen, komisch.

Geredet wird über Götter und Welten und über wahrscheinlich mehr noch; über Bier, die Todesstrafe, die Pyramiden und all diese Sachen. Wovon man halt so quatscht, wenn ein römischer Schankwirt (Thomas Holtzmann), ein attischer Händler und Händelanzettler (Michael von Au) und ein ägyptischer Reliquienverscherbler (Alexander Lang) in einer antiken Kneipe hinterm Piräus nichts zu tun haben; wenn dann auch noch eine aufgebrezelte Schöne sehr blond im fließend weißen Gewand unter sie tritt (Annika Pages), wenn Zaubertränke kreisen, tierköpfige Gottheiten wie eine lebende Keilschrift an der Theke vorüberschnüren und die Farben der Wände wechseln ganz nach Gefühl, von Grün auf Gelb, auf Rötlich und Bläulich, so prachtvoll beinah wie in Achternbuschs Deckfarbenbildern, aus denen großflächig hingemalt Wut und Trauer, Glut und Asche leuchten und verglimmen.

Caroline Neven DuMont versuchte, mit witzig gefärbten antiken Kostümen diese naive Bilderbuchatmosphäre wiederzugeben; ihre Kneipe war ein phantastischer Durchbruch zur gemalten fernen Ägäis, rechts und links stützten klafterhohe Marmorplattenwände Reste geborstener Deckensteinbretter, über die anfangs gleich Ratten huschten, und vor dem blauen Horizont sperrte hoch aufgetürmt eine Gründerzeitbar in schwarzrötlichem Holz die freie Sicht.

Pomp und Bruch, Einsamkeiten unter splitternden Platten - und hinten die Sehnsucht übers Meer hinaus: nach Tibet vielleicht oder wenigstens nach dem Starnberger See.

Bis zum 4. Februar noch ist ein Posten von Achternbuschs neueren Bildern im Münchner Stadtmuseum anzuschauen: kräftig hingefegte, rausgehauene Malereien, wild, expressiv, meist mit Riesenbuchstaben zu Satzfetzen überpinselt. Das sind keine japanischen Kalligraphieübungen, sondern ist (sehr deutsch) aufgewühlte Letteratur in blauverwehten und graugelb überlaufenen Farbwiesen, aus denen sich mal ein himalajisches Matterhorn, ein Wüstenlöwe, ein Totenvogel ins verwilderte Bild drängt.

Achternbusch ist ein Quartalsmaler: Diese fünfzig großen Deckfarbeneruptionen etwa sind allesamt im Februar 1995 entstanden, mitunter drei an einem Tag. Dann ruht er wieder aus vom Malen, geht Weißbier trinken oder ein Buch schreiben, einen Film (wenn wieder Geld durchs Malen und Schreiben reingekommen ist) und eben auch mal ein Stück fürs Theater, alles quartalsfieberhaft. Ob er Skizzen mache zuvor, hat ihn die SZ vorige Woche gefragt: "Naa, ich mal immer ausm Kopf raus. Es gibt auch keine Skizzen für ein Theaterstück. Das hat mich vorher so lang beschäftigt, daß ich's einfach raushauen kann: ,Hau ab, du blöde Sau!`"