Vor dem Amtssitz des Ministerpräsidenten demonstrierten diesmal keine Gegner des Friedensprozesses, sondern Tausende äthiopischer Juden. Der Schock über die Eskalation der Protestaktion war um so größer, als diese Gruppe der 60 000 Neueinwanderer (die 1984 und 1991 auf abenteuerliche Weise eingeflogen worden waren) bisher als still, unauffällig und bescheiden gegolten hatte.

Auslöser für den Wutausbruch waren Berichte, nach denen Blutspenden äthiopischer Juden aus Angst vor Aids ohne besondere Prüfung einfach weggeschüttet wurden. Doch selbst wenn sie eine fünfzigmal höhere Infektionsrate aufweisen sollten, wie das Gesundheitsministerium behauptet, so handelt es sich bei Aids nicht um eine "ethnische Krankheit". Für die Betroffenen symbolisiert das Wegschütten ihres Blutes jene Verachtung, die ihnen als Schwarze von Teilen der israelischen Gesellschaft schon lange entgegengebracht wird.

Ministerpräsident Schimon Peres hat sich entschuldigt und eine Untersuchungskommission berufen. Der Protest der Äthiopier ist aber nur einer der vielen Konflikte Israels, die desto stärker aufbrechen, je deutlicher die gemeinsame Bedrohung von außen abnimmt.