So recht geglaubt hatte man im Aufbau-Verlag nicht an den Erfolg.

Bei der Präsentation der Tagebücher Victor Klemperers in Dresden im September letzten Jahres zweifelte Geschäftsführer Gotthard Erler, ob die Auflage von 10 000 Exemplaren wohl abgesetzt werden könnte. Inzwischen sind 80 000 Exemplare verkauft, geht die 6.

Auflage in Druck, rangiert das Werk ganz vorn auf den Bestsellerlisten, reißen sich ausländische Verlage um Lizenzen, werden Bearbeitungen für Bühne, Hörfunk und Fernsehen vorbereitet.

Gewiß, die durchweg enthusiastischen Kritiken, dazu das einhellig positive Votum des "Literarischen Quartetts" kurz vor Weihnachten haben den Erfolg kräftig gefördert. Doch das allein erklärt nicht die überwältigende Resonanz. Offenbar besteht auch fünfzig Jahre nach Kriegsende immer noch ein großes Bedürfnis zu erfahren, wie der Judenmord, dieses ungeheuerlichste aller Verbrechen, geschehen konnte, inmitten einer Nation, die sich für zivilisiert hielt.

Und keine Quelle vermag darüber zuverlässiger Auskunft zu geben als das Zeugnis des Dresdner Romanisten. Unbestechlich genau, Tag für Tag, hielt er fest, was den Juden in Nazideutschland widerfuhr und wie die deutsche Bevölkerung darauf reagierte - eine einzigartige Chronik aus dem Inneren der braunen Diktatur.

Der ganze Reichtum dieses Tagebuchwerks erschließt sich erst, wenn man sich Zeit nimmt, viel Zeit. Wer erst einmal mit der Lektüre begonnen hat, der wird davon nicht mehr loskommen, der wird wie durch einen Sog hineingezogen in den Bann dieses klugen Beobachters, der erlebt mit ihm, Tag für Tag, die zwölf Jahre des "Dritten Reiches".

Deshalb war die Idee des Ensembles der Münchner Kammerspiele, in der vergangenen Woche, zwölf Stunden täglich, aus dem Werk Klemperers vorzulesen, zwar gutgemeint, aber grundverkehrt. Denn diese Tagebücher eignen sich nicht für Marathonveranstaltungen im Zeitraffer, nicht für öffentlich zelebrierte Betroffenheitsrituale.