DIE ZEIT: Warum ist das deutsche Theater so langweilig?

CARL HEGEMANN: Daß es langweilig ist, darüber sind wir uns einig.

Und zwar sterbenslangweilig. Es ist marginal. Die letzte Innovation, die es gegeben hat, war von Brecht. Danach kamen eigentlich nur unreflektierte Rückfälle in alte Theaterformen. Von der Brechtschen Theorie ist nur geblieben, daß Regisseure "Ideen" einbauen, um ihre Handschrift zu zeigen.

STEPHAN SUSCHKE: Es ist in den letzten dreißig, vierzig Jahren unwahrscheinlich viel im deutschsprachigen Theater passiert. Das hat immer über Tabuverletzungen funktioniert. An einem bestimmten Punkt war es das Politische, an einem anderen das Obszöne, jetzt ist es ausgereizt, nicht nur am Theater. Überall herrscht eine absolute Erschlaffung, Müdigkeit.

MARTIN WUTTKE: In Hamburg hatte ich als Schauspieler das Gefühl, wie unter einer Käseglocke zu spielen. Egal, was ich gemacht habe, es gab kein wirkliches Echo. Es geht immer nur darum: Macht der Schauspieler das nett, attraktiv, und wie verpackt er es. Das war zu Brechts Zeiten bestimmt noch anders.

Sie glauben, damals habe es eine engere Berührung zwischen dem gegeben, worüber die Leute im Publikum nachgedacht haben, und dem, was die Leute auf der Bühne gemacht haben?

WUTTKE: Es gab einen gesellschaftlichen Konsens. Auch einen Konsens über den gesellschaftlichen Dissens.