Erwischt! So ruft ein ganzer Medienchor, voran die FAZ, weil die Lübecker Brandnacht mit ihren zehn Todesopfern vorschnell als "deutsche Tat" verdammt worden sei. Weil sich die Mutmaßung, Rechtsradikale hätten das Feuer gelegt, nicht bestätigte, hieß es: Das rasche Urteil entspreche der Sehnsucht danach, "wir" seien wieder einmal die Täter gewesen. Wir als ewige Volksgemeinschaft oder Tätervolk, nicht "ich" konkret. Bis hin zum Wort von "Lübeck als geistige Lebensform" hat das Frankfurter Blatt diese Reaktionen der ersten Stunde dramatisiert.

Kriminalistik, so hieß es dort weiter, werde durch "Schuldmythologie" ersetzt. "Die endlose Geschichte vom Tätervolk hat einen vagabundierenden Schuldvorrat entstehen lassen, der immer wieder nach Bestätigung verlangt. Sie brachte ein Klima hervor, in dem der rechtsstaatlich gebotene Gang, der bei der Tat beginnt und bei der Schuld endet, gewissermaßen rückwärts läuft." So erkennt der Autor Konrad Adam, was er erkennen will, nämlich bedingte Reflexe bei den "konditionierten Versuchstieren", die immer nur noch rufen können: "Right or wrong, my Nazi."

Nun gab es, was die Toten von Lübeck angeht, die in dem Streit beinahe vergessen werden, wirklich vorschnelle Urteile und eingefahrene Reflexe. Solche Reaktionen aber sind nicht verwunderlich, es gab eben auch die Mordtaten von Mölln und Solingen, und es gibt die alltägliche Deklassierung von Fremden, die gerne verdrängt wird.

Woher aber diese überdimensionierte Erregung? Es ist schon seit längerem Mode geworden, die "Gutmenschen" vorzuführen. Focus sieht sie ohnehin auf dem Kriegspfad, der neuere Spiegel auch, Buchautoren schießen sich erfolgreich auf sie ein. Als Gutmenschen werden diejenigen bezeichnet, die gerne "in einem politisch-moralischen Schaumbad" baden, die mit Lichterketten gegen den Golfkrieg protestierten oder mit Menschenketten gegen Raketen.

Von Greenpeace bis Ulrich Wickert, so urteilte der Spiegel, von Friedrich Schorlemmer bis Lea Rosh, von Horst-Eberhard Richter bis Christa Wolf oder Jens Reich reiche diese Liste der Berufsbetroffenen.

Wer den Hausmüll trennt, für die Dritte Welt spendet, gegen die Atomversuche der Franzosen protestiert - alles nur Tugendwächter!

Autor dieser Attacke, die der Spiegel zur Titelgeschichte erhob, war Henryk M. Broder.

Die Tugendwächter gelten als Hüter der politischen Korrektheit, die im Lande die kulturelle Hegemonie haben. Im Zentrum dieser Anklage: die historische Korrektheit. Man kann daher ohne Übertreibung die Kontroverse über die Gutmenschen als Fortsetzung des Historikerstreits im Jahr 1996 bezeichnen.

Der Vorwurf, in FAZ-Worten: In Deutschland gebe es ein "unbefriedigtes Schuldverlangen", das wie eine Gewitterwolke über dem Land hänge und ständig nach Entladung dränge (Konrad Adam). Wir zeigten uns bei jeder Gelegenheit betroffen, und das vermittle ein angenehmes Gefühl.

Der Vorwurf, in Spiegel-Worten: Am deutschen Wesen solle wieder einmal die Welt genesen. Die unverbesserlichen Deutschen seien fest davon überzeugt, schreibt Broder, daß sie unfähig zum Trauern sind. Daraus resultiere ihr Hang zum moralischen Größenwahn. So landet er dann rasch beim "zentralen deutschen Problem", das weder das Waldsterben im Allgäu noch das Ozonloch über der Arktis sei.

Sondern? "Es ist die nichterfüllte Bestrafungserwartung nach dem kollektiven Ausrasten von 1933 bis 1945."

Auch Broder hält also ganz selbstverständlich die Vergangenheitskeule parat, nicht anders als diejenigen, die er deshalb abstrafen möchte.

Er hat sich nicht wirklich gefragt, weshalb beispielsweise in derselben Woche, in welcher der Spiegel die Ökohysterie der Deutschen als Ausdruck traumatischer Bestrafungssehnsüchte geißelte, auch in Amerika eine leidenschaftliche Debatte über die Klimaentwicklung ausbrach. Ökohysterie auch dort? Und welche Traumata arbeiten die Amerikaner auf? Welche die Neuseeländer, die gegen die französischen Atomversuche vor ihren Toren protestieren? Aber vermutlich verschafft es ein besonders angenehmes Gefühl, mit solcher traumwandlerischen Sicherheit das Verhalten in Deutschland in schlichtester Völkerpsychologie auf die Vergangenheit zurückzuführen - und nicht etwa auf Fortschrittsprobleme selbst, die dort heftige Reaktionen auslösen, wo sie besonders geballt auftreten.

Leidet Tom Königs, der Frankfurter Umweltdezernent, unter traumatischen Bestrafungssehnsüchten, weil er die Chemiefirma Hoechst nach der Explosion einer Anlage mit hochgiftigen Stoffen einer falschen und fahrlässigen Informationspolitik bezichtigte? Nein, es geht um den Nachweis der Banalität des Guten. Im Alltag lauert das Syndrom. In Deutschland darf das Selbstverständliche nicht einfach selbstverständlich sein.

Im Streit um einen Einsatz deutscher Soldaten in Bosnien verhielt sich das ähnlich. "Müssen wieder lange Güterzüge rollen, Gaskammern und Verbrennungsöfen qualmen, bis für einen deutschen Berufspazifisten der Tatbestand des Völkermordes erfüllt ist" (Henryk M. Broder)?

Wo Auschwitz als Maßstab genommen werde, gebe es keine Maßstäbe mehr.

Instrumentalisieren manche derjenigen, die über die historische Korrektheit jammern, die Vergangenheit nicht mindestens ebenso?

Im übrigen, was heißt eigentlich Berufspazifist? Wird ihm das Etikett aufgeklebt, bloß weil er seinem Prinzip und seinem Gewissen treu bleibt? Moralisch, das kommt hinzu, kann im Falle Bosnien sowohl eine Politik der Zurückhaltung als auch eine Politik der Intervention begründet werden. Und beide Lager können sich - und so ist es auch geschehen - scheinheilig hinter der Vergangenheitssuada verbergen. Wer entscheidet, wer sich anständig verhielt und wer unanständig? Henryk M. Broder!

Manchmal auch Wolf Biermann.

Adam und Broder stehen mit ihrer These vom "unbefriedigten Schuldverlangen" ja nicht allein. Hermann Lübbe spricht vom "Sündenstolz der Deutschen".

In ein "Koordinatengefängnis" seien wir geraten, entrüsten sich Michael Behrens und Robert von Rimscha in einem Buch über politische Korrektheit, weil die eigene Vergangenheit zum Kern des Korrektheitsterrors geworden sei.

Sicher, Auschwitz dient wirklich oft als Paravent. Es ist nicht schlicht von der Hand zu weisen, wenn Cora Stephan sagt, die Deutschen wollten "immer die ersten Opfer" sein und ihre geleistete Trauer- und Betroffenheitsarbeit auch vorzeigen. Aber die Simplizität der These vom Bestrafungsverlangen, eine Art Allzweckwaffe, auf die letztlich das Verhalten in fast sämtlichen politischen Konflikten zurückgeführt wird, macht langsam stutzig.

Schuldmythologie? Manche plappern das bloß nach, meinen es mit dem Verdacht aber gar nicht so ernst. Sie suchen nur eine willkommene Gelegenheit, denen die Rechnung aufzumachen, die in der alten Bundesrepublik den Ton angegeben, in ihr Autorität gewonnen und für sie das eigene Selbstverständnis definiert haben. Und so ganz nebenbei kann man am Ruhm der gescholtenen Guten auch noch partizipieren.

Jetzt hab' ich's dem Horst-Eberhard Richter aber ordentlich gegeben.

Wer die Moralisten als Moralisten anklagt, kann hoffen, zum wahren Tugendwärter der neuen Zeit zu werden.

Andere halten heute denen eine Predigt, morgen jenen, wie es gerade kommt - falsch machen es immer alle. So ist die Medienwelt. Geschenkt.

Ernster wird die Frage dort, und da kommt wieder die FAZ ins Spiel, wo es um die Sehnsucht nach Normalität geht. Sie ist nicht erst seit dem Historikerstreit eine Leitmelodie. Aus eben diesem Grunde wurde Willy Brandt in seinen Blütejahren zum Objekt des Zorns, weil er für das "anständige Deutschland" stand (gut wurde Brandt für die FAZ eigentlich erst, seit er für das einige Deutschland warb).

Heute sieht es so aus, als hätten einige der Disputanten sich von der Wiedervereinigung und den 50-Jahr-Feierlichkeiten zum Kriegsende im Jahr 1995 eben doch den großen Schlußstrich erhofft.

Ohne daß ihn Historiker erstreiten müßten, einfach durch den Lauf der Dinge. Machen wir nicht alles korrekt und anständig? Hat Schimon Peres nicht gerade Helmut Kohl einen Preis verliehen, obwohl der in Sachen Vergangenheit einige Ungeschicklichkeiten bewies? Und ist nicht Ezer Weizmans Rede im Bundestag von allen Seiten gerühmt worden, obwohl sie mit der Wahrheit über das, was die Deutschen getan haben, nicht zurückhielt?

Nur die Gutmenschen scheinen dieses Bild noch zu stören, in dem alles geordnet und eingeordnet ist, sogar Auschwitz, das jetzt sein Plätzchen am 27. Januar erhielt (nur ist die Gedenkfeier gleich beim ersten Mal vorverlegt worden, wir bitten um Nachsicht, an einem Samstag schaut doch niemand hin). So wie Auschwitz ein "Glücksfall der deutschen Geschichte" (Broder) genannt worden ist. Ein Glücksfall für die Gutmenschen, die sich hinter dem "Nonplusultra auf der nach oben offenen Skala der angewandten Barbarei" verstecken können.

So wäre Lübeck dann auch ein Glücksfall der deutschen Gegenwart?

An der Stelle möchte man doch einmal fragen, ob sich nicht die sogenannten Gutmenschen, wohl aber ihre erzürnten Kritiker hinter dem Paravent Lübeck verbergen, um ein paar richtige Fragen nach den realen Verhältnissen nicht erst stellen zu müssen. Irrtum, vorschnelles Urteil, auch gelegentliche Ritualisierung werden statt dessen addiert zur These von der Schuldmythologie. Die Deutschen, nach fünfzig Jahren und der Vereinigung gerade geadelt und neugeboren, sollen ewig zum status minor verdammt sein, lautet die Jeremiade. Das läßt sich anders als aus der Enttäuschung über das Resultat der Vereinigung und das Selbstverständnis, wie es sich heute darbietet, kaum erklären. Denn so viel stellt sich nun doch heraus: Die Geschichte, dieses unkonkrete Wesen, hat keinen stillen, objektiven Schlußstrich gezogen. Die Sache liegt viel komplizierter.

Mit diesem latent Gegenwärtigen lernen wir nun gerade wieder einmal neu umzugehen. Wir meint in diesem Falle die Politik und nicht etwa nur die gescholtenen Berufspazifisten oder Gutmenschen. Es war doch nicht die Weltmacht der Pazifisten, die allein unter Verweis auf Auschwitz gezögert hätte, die deutschen Jungs nach Bosnien zu entsenden. Nein, auf sie wird auch eingeprügelt, weil es ein Stellvertreterkrieg ist. Gerade die offizielle Politik blieb doch vorsichtig.

An sie allerdings ließen sich mit mehr Grund kritische Rückfragen richten. Bei aller Anständigkeit - den Gestus, die Deutschen zu einer Art Gesamtopfer zu machen, verinnerlichte die Politik in den vergangenen Jahren schon. Victim Germany: So hat die amerikanische Essayistin Jane Kramer den Aufsatz genannt (ZEIT Nr. 45-46/95), in dem sie am Beispiel des Disputs um das Holocaust-Denkmal in Berlin der Frage nachging, ob die Deutschen - von Helmut Kohl bis Lea Rosh - nicht doch dazu neigten, sich in eine vage und allgemeine Opferrolle hineinzusuggerieren.

Die pikierte Reaktion auf die Alliierten, die deutsche Politiker bei den Feierlichkeiten in der Normandie nicht dabeihaben wollten, spiegelte das wider. Was, wir dürfen nicht unter den Siegern stehen?

Waren wir nicht doch auch irgendwie Opfer? Der Wunsch nach einem Normalitätsattest war und ist in der Politik oft genug die treibende Kraft. Die Politik wird jetzt von dem Unmut darüber eingeholt, daß sie die von ihr geschürten Erwartungen einfach nicht einlöst.

Lohnend ist in der Tat auch ein Streit darüber, ob das alltägliche Verhalten gegenüber Fremden oder Minderheiten nicht zugleich verdrängt und überhöht wird mit einer Sprache, die den Unterschied zwischen mir und dir aufhebt. Die Freundschaftsbekundungen gegenüber den Fremden im Land haben oft genug etwas Unehrliches. Indem ich mit dem türkischen Nachbarn verschmelze, wird er ein zweites Mal marginalisiert - wenn die Differenz eben nicht anerkannt wird. Und seine Staatsbürgerrechte sind dennoch nicht die gleichen wie meine.

Das "Gute an sich", das die Sprachfloskeln manchmal verkünden, wäre in der Tat selbst nur eine Geisteshaltung, der es mehr um ihr reines Gewissen geht als um die nüchterne Realität und die Lage der Fremden. Es gibt eine Form der Reaktion auf Ausländerkriminalität oder auf das Verhalten von Minderheiten - denen das Einhalten von Regeln dann gar nicht mehr abverlangt wird -, die wirklich nicht pragmatisch, sondern moralisierend ist.

Aber das Gutgemeinte, das Falsche im Richtigen, kann wiederum so falsch gar nicht sein wie die politische Leitidee, die hinter der Kritik an Lübeck als geistiger Lebensform steht. Das heißt doch: Dauernd siegen die historisch Korrekten! Ihnen fallen unsere Besten zum Opfer. Jenninger! Heitmann! Nolte! Zitelmann!

Es lohnt sich nicht, das alles nun umgekehrt zu dramatisieren.

Aber in manchen Redaktionen gilt schon als Selbsthasser, wer die alte Bundesrepublik nicht als Sonderweg charakterisiert. Sie soll doch selbstbewußt werden, die neue Nation! Da wird an einer anderen geistigen Lebensform gearbeitet, auch wenn sich das nur verschwiemelt ausdrückt.

Das klingt dann wie das Kontrastprogramm zu dem Klischee, das man sich von der Republik macht, über welcher der Gutmensch Richard von Weizsäcker und der Protestantismus thronen. Klischee sticht Klischee.

In diesem Streit spielt der Historiker Ernst Nolte eine Schlüsselrolle.

Er hatte (hat?) in der FAZ sein Forum. Nolte möchte, konsequenter als alle, den Nationalsozialismus und Auschwitz in der europäischen Geschichte aufheben. Sein Rezensent im Jahr 1995, Konrad Adam, der jetzt über die geistige Lebensform Lübeck klagt, nahm den Kritisierten in Schutz, weil der nur "Phänomene beschreiben und ihre Ursachen klären" wolle. Der wohlmeinende Nolte-Interpret: "Er möchte die Vergangenheitsbewältigung mit ihren zwangsläufig moralisierenden Beiklängen durch eine intellektuelle Auseinandersetzung mit der Geschichte ersetzen: Auschwitz nicht mehr als Skandalon, sondern, wie er schreibt, als eine Herausforderung fürs Denken."

Der Krieg der Erinnerungen, den Nolte führe, hatte der Rezensent übrigens noch hinzugefügt, gehe weiter. Phänomene beschreiben?

Intellektuelle Auseinandersetzung? Da wird ohne Rücksicht auf die historische Wahrheit und unangekränkelt davon, wie Nolte an der Zahl der Ermordeten "wissenschaftlich" herumrechnet, nicht nur ein kleiner Kredit gewährt. Die FAZ hat sich übrigens gelegentlich an anderer Stelle und aus anderer Feder glänzend von der Scheinwissenschaftlichkeit des Ernst Nolte und einiger seiner Adepten distanziert. Aber hier?

Nolte habe Schwierigkeiten gehabt, einen Verleger für sein Buch zu finden (Propyläen, na klar!) und erkenne darin den Drang nach politischer Korrektheit und eine Gefahr für die Freiheit des Wortes.

Man sollte alles daransetzen, hieß es, ihn hier zu widerlegen, auch wenn man die Dinge anders sehe. Muß man denn gleich Meinungsterror rufen, wo es ganz schlicht um Grenzen des Anstands auch im Gewand der reinen Rationalität geht?

Die Fortsetzung dieses Krieges der Erinnerungen mit oder gegen Nolte erlebt man jetzt. Auch andere beteiligten sich schon daran.

Zum 20. Juli hieß es beispielsweise, eben auch in der FAZ, das Bedürfnis nach Beruhigung in der Republik sei groß. Statt über den Widerstand zu streiten, habe man sich zwischen links und rechts auf eine prekäre gemeinsame Sicht verständigt. In ihrer Selbstdarstellung, so diese Klage, beginne die Geschichte der Bundesrepublik mit den letzten Kriegstagen und den Konzentrationslagern, nicht aber mit dem Widerstand. Es störe ihr Geschichtsbild, weil etwas in der Geschichte nicht der Bundesrepublik vorgearbeitet habe und trotzdem Moral und Würde auf seiner Seite hat. Das sei das Undenkbare dieses Staates. "Es ist ihr Tabu."

Um dieses Undenkbare, das andere Geschichtsbild, um die Ahnung einer Republik, die diese Bundesrepublik nicht ist, geht es. Und das wäre dann das Gegenstück zum vagabundierenden Schuldvorrat. Die schuldlose, unbefleckte Republik. Endlich! Die Vergangenheit? Geordnet und irgendwie abgebucht. Extremismen? In sicheren Schranken. Auf die Warnung des Historikers Hans-Ulrich Wehler vor einer "Erosion der Abgrenzung nach rechts" trumpfte in der FAZ einer seiner Kollegen auf, die rechtsextremen Kräfte seien in der intellektuellen Mehrheitskultur "entschlossen isoliert". Und einen Extremismus der Mitte gebe es in der Republik wahrlich nicht. Was nicht sein darf, das ist nicht.

Reim dich, oder ich freß dich. Ihren Reim auf das, was in Lübeck geschah, haben sich manche der Kritiker der Gutmenschen eben schon lange gemacht, bevor es die Brandnacht in Lübeck gab. Nur auf den Irrtum haben sie noch gewartet, der davon ausging, es sei eine "deutsche Tat" gewesen. Dann ist ihnen der Kragen geplatzt.

Schuldmythologie? Die deutsche Vergangenheit ist latent gegenwärtig.

Es gibt einen Rechtsradikalismus, den der BKA-Präsident Zachert soeben "entsetzlich" nannte. Es gibt anständiges und verkrampftes Verhalten gegenüber Fremden. Es gibt ein ritualisiertes Erinnern, nach fünfzig Jahren, und ein ehrliches. In der Republik steht alles Ungleichzeitige nebeneinander. Das ist eben so.

Auschwitz liegt fünfzig Jahre zurück, aber nichts führt hinter Auschwitz zurück. Nicht das vorschnelle Urteil über die vermeintlich "deutsche Tat" in Lübeck wurmt. Die ersehnte neue geistige Lebensform, die vom seitherigen Selbstverständnis wegführt, kann deshalb kein Feuilleton erstreiten. Die Ahnung, daß dieses Unvergängliche, an das jeder Anschlag auf Fremde in Deutschland zwangsläufig erinnert, auch die Berliner Republik begleiten werde - das ist der innerste Kern der Erregung.