Die Welt des Briefträgers Cheval reichte nicht weiter als bis zu der Hügelkette, die das Dorf Hauterives im Norden des Departements Drôme umschließt. Doch während seiner täglichen eintönigen Tournee, deren 32 Kilometer er zu Fuß und unter den garstigsten Wetterbedingungen meisterte, war in Ferdinand Chevals Kopf ein Projekt von titanischen Ausmaßen und universaler Symbolik herangereift. "In meinen Träumen baute ich ein märchenhaftes Schloß", notierte der Sohn eines Bauern in sein Tagebuch.

Der Traum sollte in 33jähriger Schufterei Wirklichkeit werden.

Von 1879 bis 1912 schichtete der facteur, der Briefträger, Cheval während seiner Botengänge am Wegesrand Kieselsteine und Felssplitter zusammen, die er nach Dienstschluß mit einer Schubkarre zu einer Baustelle neben seinem Wohnhaus abtransportierte. Dort entstand ein bizarrer Palast, der "alle Stile aller Länder und aller Zeiten vermischt", wie damals eine Zeitung verblüfft feststellte. Ohne Hilfskraft und nur mit Kelle und Mörtel verband der Postbote die gesammelten Steine zu monumentalen Fassadenskulpturen, labyrinthischen Grottengängen und phantasievollen Dekors.

Das "Palais Idéal", an eine zyklopische Schmuckschatulle erinnernd, schockt jeden Architekturpuristen. Das tausend Kubikmeter Gestein umfassende Kunstwerk spiegelt ausschließlich die Visionen und Halluzinationen seines Schöpfers wider. Inspirationen und Motive fand Cheval in den bebilderten Reiseberichten der Illustrierten, die seine Frau abonniert hatte. Da er selber nie am Meer war, brachten ihm Kinder von ihren Klassenferien an der Küste Muscheln mit, die er zu prachtvollen Mosaiken zusammenfügte.

Für seinen Erbauer war das Palais "ideal", da es alles in einem darstellte: Pharaonengrab und Geisterbahn, Alpenchalet und Sarazenenburg, Hindutempel und Knusperhäuschen, Dornröschenschloß und Piratenversteck, Kathedrale und Katakombe. An der 26 Meter langen und 12 Meter hohen Westfassade halten Cäsar, Vercingetorix und Archimedes, von Cheval "die drei Riesen" getauft, Wache. Aus baumkuchenförmigen Säulen (Cheval hatte in seiner Jugend das Bäckerhandwerk erlernt) strecken alptraumhafte Kraken ihre Tentakel aus. Ziegenfratzen grinsen einen hämisch an. Auf barocken Balkonen stehen Blumenkübel in Form von Ananasfrüchten, und zierlichen Minaretten sind steinerne Palmen und Hirschgeweihe aufgepropft. Überall ritzte Cheval verschrobene, mystische Botschaften ein, deren Elemente er aus Enzyklopädien zusammenklaubte. "Die Feen des Orients fraternisieren mit dem Okzident" steht da geschrieben oder "Ein wohlgesinnter Geist hat mich aus dem Nichts gezogen".

In seinem Dorf galt der schmächtige facteur, der unbeirrt seine Steine sammelte und sogar nachts bei Mondlicht den Mörtel anrührte, als Spinner und Sonderling. Cheval lag wenig an öffentlicher Anerkennung.

Rund um die Baustelle hatte er eine hohe Mauer errichtet, um den Palast gegen neugierige Blicke abzuschotten. Nur wenigen Leuten war es zu Lebzeiten des Briefträgers gegönnt, dessen verwirklichten Traum zu bestaunen. Es war das Verdienst von André Malraux, daß das einzigartige Werk nicht in Vergessenheit geriet. Der Schriftsteller und Kultusminister hatte den Bau 1969 als "einziges architektonisches Beispiel der naiven Kunst" unter Denkmalschutz gestellt. Seitdem gilt der Postbote von Hauterives als einer der Väter der Art brut, der unangepaßten Kunst. Nicht wenige Surrealisten haben sich von seinem okkulten Öuvre inspirieren lassen.