Viktor Meier: Wie Jugoslawien verspielt wurde

C.H. Beck Verlag, München 1995; 464 S., 29,80 DM

Nach dem Vertrag von Dayton und dem vorläufigen Ende des bosnischen Krieges sind viele Details seiner Entfesselung in Vergessenheit geraten. Doch wo schlägt man sie nach? Meiers Buch ragt aus der Jugoslawien-Literatur heraus, weil er das Land dreißig Jahre lang als Korrespondent beobachtet hat und weil er durch seine besonderen Beziehungen zur slowenischen Staatsführung Gelegenheit hatte, in Ljubljana Archive einzusehen. Meier verhehlt nicht seine Sympathie für den Willen Sloweniens, "innerhalb oder außerhalb Jugoslawiens seinen eigenen Vorstellungen entsprechend zu leben".

In Serbien aber sieht er den Hauptschuldigen für den Weg in den Krieg. Detailliert beschreibt er den Aufstieg von Slobodan Milosevic, seinen "Sturm" auf die autonomen Provinzen Vojvodina und Kosovo.

Der serbische Präsident traf auf wenig Widerstand in der jugoslawischen Regierung. "Im Zurückweichen der damaligen Bundesgewalt gegenüber Milosevic" erkennt Meier "eine der wesentlichen Ursachen für den späteren Zusammenbruch Jugoslawiens".

Um Milosevic' Erfolg in Serbien zu erklären, bietet Meier jedoch nur Vorgepreßtes aus der Werkstatt des analytischen Holzschnitts: "Es muß eine Prädisposition im serbischen Volk gegeben haben, die seinen Erfolg sozusagen vorprogrammierte. Das wiederum müßte zum Schluß führen, daß das Problem eben nicht Milosevic ist, sondern Serbien und die Serben." Meier glaubt nicht an "irgendwelche Gegensätze im serbischen Lager". Sind die Serben alle über einen Kamm zu scheren?

Zehn Seiten später gibt Meiers differenziertere historische Beschreibung Antwort. Er unterscheidet zwischen den Serben im türkischen Herrschaftsgebiet und den Serben in der Vojvodina, dem serbischen Bürgertum und den bäuerlichen Kolonisten aus der Krajina und Bosnien, die zu integrieren mißlang. Die Geschichte ist der stärkere Teil von Meiers serbischen Kapiteln, während die Darstellung des heutigen Serbien einen gelegentlich unscharfen Blick aus der Ferne offenbart.

Doch was die slowenische Seite betrifft, so schöpft Viktor Meier aus einem Rechercheschatz wie kaum ein anderer deutschsprachiger Südosteuropakenner. Minuziös zeichnet er die Stationen auf dem slowenischen Weg in die Unabhängigkeit nach, beginnend mit dem Nationalprogramm von 1987, in dem die "nationale Selbstbestimmung" den Vorrang vor der Zugehörigkeit zu Jugoslawien erhalten hat.

In den Folgejahren sieht Meier zwei Konzepte von Jugoslawien im Widerstreit: das "föderalistische, reformistische und liberale" der slowenischen Sozialisten und "ein dogmatisch-zentralistisches, das sich zunehmend mit großserbischem Hegemonismus verknüpfte".

Die Unbeweglichkeit der Gegenseite habe die slowenischen Schritte beschleunigt: 1990 forderte Ljubljana die Umwandlung Jugoslawiens in eine Konföderation, ein Jahr später ging es in die Unabhängigkeit.

Jugoslawien sei keine "künstliche Schöpfung" gewesen, schreibt Meier, "aber in dem Augenblick, da dieses Staatsgebilde unrealistisch und untragbar wurde, war es nötig, dies auch einzusehen". Die internationale Anerkennung Sloweniens und Kroatiens Ende 1991 sei ein überfälliger Akt gewesen.

Anders als Slowenien hatte Kroatien ein drückendes Problem: seine serbische Bevölkerung, die bis 1991 neben den Kroaten ein Staatsvolk war. Die neue kroatische Verfassung machte sie zur Minderheit.

In einem Interview fragte Meier Präsident Tudjman, ob er nicht mit einer "formalen Geste" zumindest einen Teil der verprellten Serben für den kroatischen Staat gewinnen wollte. Aber Tudjman "sagte nur immer mit gepreßter Stimme, die Serben müßten endlich begreifen, daß sie eine Minderheit seien". Wenige Monate später versank Kroatien im Krieg.

Doch in Bosnien respektierte Tudjman wichtige Interessen der Serben, schreibt Meier. Er habe keinen ernsthaften Versuch unternommen, die Posavina zu halten, durch die später der serbische Korridor nach Westbosnien führte. Die 300 000 Kroaten in der Gegend waren ihm offenbar weniger wichtig als die herzegowinischen Kroaten, die er als "richtige Kroaten" bezeichnete. Deren Führer konservieren heute in Mostar die Spaltung der Stadt. "Durch sein ständiges Spielen mit der Teilung Bosniens" zwischen Serben und Kroaten habe Tudjman die "Allianz mit den Muslimen immer wieder gefährdet" und "die Serben noch ermuntert, ihrerseits den neu entstehenden bosnischen Staat nicht zu akzeptieren".

Wer heute meint, Tudjman stehe nach dem Vertrag von Dayton in Treue fest zur muslimisch-kroatischen Föderation und zu einem einheitlichen bosnischen Staat, tut gut daran, sich von Meier an Tudjmans ursprüngliche Konzeption erinnern zu lassen.