TONDORF. - In der ländlichen Welt der Eifel, so scheint es, ist die Welt noch in Ordnung. Die Luft ist sauber, die Wälder sind grün, und Diebstahl ist so selten, daß in den unverschlossenen Dorfkirchen die Figuren der Heiligen noch ungesichert auf ihren Sockeln stehen.

In der 600-Seelen-Gemeinde Tondorf, in der Nähe von Blankenheim, sahen wir eine Darstellung, die ganz anders war als die üblichen St. Laurentiusse, Georgs und Katharinen. Die rechte Seitenwand der kleinen Pfarrkirche beherrschte die moderne Holzskulptur des erst vor wenigen Jahren kanonisierten polnischen Franziskaners Maximilian Kolbe, der an Stelle eines anderen freiwillig im Hungerbunker von Auschwitz in den Tod ging. Der ausgemergelte Körper des Paters zeigte einen Menschen an der äußersten Grenze seiner physischen Leidensfähigkeit. Mit einem überzeugend einfachen Mittel hatte der Künstler seiner Figur den Ausdruck totalen menschlichen Ausgeliefertseins gegeben: Sie war völlig nackt.

Zu Zeiten der Renaissance war Nacktes in der katholischen Ikonographie nichts Ungewöhnliches, aber als die römische Kirche nach dem Konzil von Trient die Prüderie entdeckte, beschäftigte sie ganze Geschwader von "Hosenmalern". Nicht einmal die Werke des zutiefst frommen Michelangelo blieben verschont. Seinem strahlend schönen "Auferstandenen Christus mit dem Kreuz" verpaßte man einen Lendenschurz, und auf dem Fresko des Jüngsten Gerichts in der Sixtinischen Kapelle wurden die vielen männlichen und weiblichen Blößen überpinselt. Erst bei den Restaurierungen der letzten Jahre wurden siebzehn Figuren ihre Schamtüchlein wieder abgenommen. Der erwarteten Realität entsprechend, steigen auf den 220 Quadratmetern der Altarwand die Auferstehenden nun wie ehedem hüllenlos aus ihren Gräbern.

Der Realität der Konzentrationslager entsprach die Nacktheit des Heiligen Maximilian Kolbe. Auch an dem Pater praktizierten die Nazis ihre perfide Methode, den Gefangenen mit ihren Kleidern auch ihre Menschenwürde zu nehmen.

Beeindruckt zum einen von der Expressivität der Skulptur, zum anderen aber auch von den Tondorfer Katholiken, die sie in ihre Kirche gestellt hatten, erkundigten wir uns nach der Vorgeschichte:

Als die Dörfler erfuhren, daß ihr Pfarrer Philipp Cuck in eine größere Gemeinde versetzt werden sollte, beschlossen sie, dem beliebten Hirten ein großes Abschiedsgeschenk zu machen. Der wünschte sich Heiligenfiguren für seine alte Kirche. In einer Abstimmung entschieden sich die Mitglieder der Kirchengemeinde für Skulpturen der Naziopfer Edith Stein und Maximilian Kolbe.

Der Bildhauer Wolfgang Metzler, einer der wenigen Tondorfer Protestanten, wurde beauftragt, Entwürfe vorzulegen. Die Zeichnung der Edith Stein fand allgemeine Zustimmung, gegen den nackten Maximilian Kolbe gab es Bedenken. Dennoch entschied der Pfarrgemeinderat sich nach ausführlichen Gesprächen mehrheitlich für die Ausführung.