In aller Stille wurde vergangene Woche im Saarland die Hauptschule beerdigt - und mit ihr das dreigliedrige Schulsystem. Nachdem der Schüleranteil auf gerade mal acht Prozent gesunken ist, werden die verbliebenen Hauptschulklassen den Realschulen angegliedert - ein Verfahren, das die Kultusministerkonferenz schon 1993 vorsorglich ermöglicht hatte. Nur noch ein paar Formalitäten sind zu erledigen, wie die Änderung der Landesverfassung, die ein dreigliedriges Schulsystem garantiert; doch darüber hatten sich die Regierungsparteien SPD und CDU schon im Sommer geeinigt. Keiner scheint der Hauptschule eine Träne nachzuweinen.

Während Bildungspolitiker und -theoretiker das Schicksal des Gymnasiums und seiner Oberstufe zu einer Frage der Nation hochstilisieren, liebevoll auf die Realschule und euphorisch oder zornig auf die Gesamtschule blicken, nehmen sie das Siechtum des schwächsten Gliedes deutscher Schuldreigliedrigkeit seit vielen Jahren kaum noch zur Kenntnis. Liegt das vielleicht daran, daß ihr Nachwuchs vermutlich nicht zur Hauptschule geht? Alle Überlebensgarantien von Kultusministern ändern nichts am traurigen Befund: Seit ihrer Gründung Anfang der sechziger Jahre, als die alte Oberstufe der Volksschule mit viel Reformeifer umgestaltet wurde in eine Schule "für mehr als die Hälfte aller Kinder", laufen der Hauptschule ihre Schüler davon.

Besuchten Ende der fünfziger Jahre noch zwei von drei Schülern das siebte Schuljahr der Volks- oder Hauptschule, so sank dieser Anteil schon 1962/63 auf einen von drei Schülern (siehe Graphik).

Eine Zeitlang täuschten hohe Geburtenraten über den Trend hinweg - absolut gesehen, füllten sich die Hauptschulen in den siebziger Jahren wie nie zuvor. Auch heute verwischen regionale Unterschiede zwischen Stadt und Land oder der wachsende Ausländeranteil die Konturen. Soviel aber ist bei allen statistischen Verwerfungen sicher: Der Abwärtstrend ist zwar in den Stadtstaaten besonders groß (in Berlin ging der Schüleranteil von 45,3 Prozent im Schuljahr 1960/61 auf 7,7 Prozent 1992/93 zurück), aber auch Flächenstaaten verzeichnen gleichermaßen Einbrüche, so Baden-Württemberg von 72,2 Prozent auf 37,3 Prozent eines Altersjahrgangs. Auch die Behauptung, die Gesamtschule sei der wahre Hauptschulkiller, ist nicht haltbar. Im Gesamtschulland Nordrhein-Westfalen sanken die Zahlen von 69 Prozent auf 27,8 Prozent. Sie unterscheiden sich damit gar nicht so gewaltig vom Schülerschwund im inzwischen gesamtschulfreien Bayern: 74,6 Prozent gegenüber 39,9 Prozent.

Die Gründe für den schleichenden Hauptschultod liegen woanders.

Erich Rösner vom Institut für Schulentwicklungsforschung der Universität Dortmund bringt sie auf den Punkt: "Verantwortlich sind die Eltern, ganz einfach deshalb, weil sie im Interesse ihrer Kinder verantwortlich handeln." Inzwischen sind, das haben Umfragen des Dortmunder Instituts ergeben, 54 Prozent der Eltern überzeugt, daß das Abitur ihrer Sprößlinge die beste Voraussetzung sei, später einen Arbeitsplatz zu bekommen. Nur noch 6 Prozent votierten für den Hauptschulabschluß.

Unter den Schülern halten 65 Prozent das Abitur und nur 5 Prozent den Hauptschulabschluß für eine Arbeitsplatzgarantie. Hauptschüler haben überall das Nachsehen. Nur beim Anteil arbeitsloser Jugendlicher liegen sie statistisch weit vorn. Sie haben schlechte Karten in einer Gesellschaft, die, wie ein Frankfurter Autohaus, sogar einem "Handelsfachpacker" am liebsten das Abitur abverlangt. Und während das Gymnasium "an seinem Erfolg erstickt", so der Bielefelder Erziehungswissenschaftler Klaus Hurrelmann schon 1991 in der ZEIT, verödet die Hauptschule weiter.