WASHINGTON. - Die Europäer können absolut sicher sein, daß der amerikanische Präsident vor kurzem nicht nach Ungarn, Bosnien und Kroatien gereist ist, um "Sayonara Europa" zu sagen (Tom Plate, "Sayonara Ostküste, sayonara Europa", Tribüne der ZEIT, Nr. 2).

Genau das Gegenteil ist der Fall. Er kam, um zu zeigen, daß das Engagement in Europa für die Vereinigten Staaten weiterhin absolute Priorität besitzt, und er kam, um den amerikanischen GIs Respekt zu erweisen, deren Mission in Bosnien dieser Priorität Substanz und Glaubwürdigkeit verleiht.

Nachdem er sich in den ersten drei Jahren seiner Amtszeit nicht sehr um die Außenpolitik gekümmert hatte, änderte Präsident Clinton im Sommer vergangenen Jahres nicht nur seine Orientierung, er konzentrierte sie auf Europa. Er hat die amerikanische Verpflichtung gegenüber der Alten Welt sogar noch verstärkt.

Als er im vergangenen November in einer Fernsehansprache erklärte, warum die Vereinigten Staaten Friedenstruppen nach Bosnien entsenden sollten, nannte er Zentraleuropa eine Region, die lebenswichtig für die nationalen Interessen der Vereinigten Staaten sei. Dies bedeutet eine Ausdehnung der europäischen Verpflichtung. Seit 1949 hat sich die amerikanische Politik stets verpflichtet, das westliche Europa zu schützen. Aber sie ging nie darüber hinaus, weil es zu riskant war, die Sowjetmacht in der Region östlich von Westdeutschland und Österreich herauszufordern.

Washingtons militärisches und politisches Instrument in Europa, die Nato, hat nun im zentralen und südöstlichen Europa eine neue Aufgabe, neue Herausforderungen, eine neue Strategie - und ein neues Leben gefunden. Mit Hilfe der Nato erweiterten die Vereinigten Staaten ihre Präsenz und ihren Einfluß auf ein neues Gebiet, auf dem sich die Vereinten Nationen und die Europäische Union, wegen fehlender amerikanischer Unterstützung, als wenig erfolgreich erwiesen hatten.

Seit der Zeit Präsident Roosevelts haben die Vereinigten Staaten immer sowohl starke pazifische als auch europäische Interessen verfolgt. Außerdem gilt das amerikanische Interesse natürlich auch dem nahen Lateinamerika. Die Vereinigten Staaten sind heute schließlich die einzige globale Macht.

Aber es gibt sehr wichtige und aktuelle Gründe, um unter all diesen unterschiedlichen Interessen Europa weiterhin den ersten Platz einzuräumen. Erstens existieren in Europa gefestigte internationale Strukturen; in Asien sind sie entweder schwach, embryonal, oder sie fehlen völlig. Nato und Europäische Union erleichtern es Washington, mit den Europäern bei gemeinsamen außenpolitischen Unternehmungen zusammenzuarbeiten. Zweitens sind die europäischen Länder entweder Demokratien oder kurz vor diesem Ziel, und sie respektieren die Menschenrechte. Unter den asiatischen Ländern wiederum befinden sich viele halbautoritäre oder sogar diktatorische Staaten. Für alle amerikanischen Regierungen, besonders die unter der Führung der Demokraten, ist das alte Ideal Woodrow Wilsons, die Freiheit in anderen Ländern zu fördern, ein entscheidender Bestandteil der Außenpolitik. Drittens stellt Amerikas Präsenz auf dem Balkan eine direkte Verbindung zu einer anderen Zone des amerikanischen Engagements her, dem Mittleren Osten.