Am 27. Januar starb in New York der amerikanische Schriftsteller Harold Brodkey an den Folgen von Aids. Brodkey, 1930 als Kind armer jüdischer Einwanderer aus Rußland in Staunton/Illinois geboren, wurde auch bei uns bekannt durch seinen Erzählband "Erste Liebe und andere Sorgen" (1958), eine ironisch-empfindsame Reise durch das Jungsein und ähnliches frühes Leid. Erst dreißig Jahre später erschienen zwei weitere Sammlungen "Nahezu klassischer Stories" ("Engel" und "Unschuld"): Versuche, das Wesen des Bewußtseins in Sprache nachzuformen, Geschichten von Glück und Haß und Tod, die das große Werk ankündigten, an dem Brodkey über Jahrzehnte arbeitete: den autobiographischen Roman "Die flüchtige Seele" (1991). Zusammen mit dem letzten Buch, dem Roman "Profane Freundschaft", ist er Brodkeys Suche nach einer verlorenen Zeit.

Doch genug des Rühmens. Seine Frau, die Schriftstellerin Ellen Schwamm, gab bekannt, daß sich ihr Mann jede Grabrede verbeten habe. Das letzte Wort über Harold Brodkey soll Harold Brodkey behalten - auch hier, mit dem letzten Text, den er zur Veröffentlichung bestimmt hat.

Ich pflege Tagebucheintragungen zu machen, um meinen Übergang in die Nichtexistenz aufzuzeichnen. Mit dieser Identität, diesem Geist hier, dieser besonderen Form des Sprechens ist es fast vorbei.

Sie beginnt im Schlaf, eine teils geträumte Erinnerung daran, jung zu sein und zum Leben eines jungen Mannes zu erwachen. Heute morgen habe ich mit Michael Jordan Basketball gespielt, und ich war so stark wie er, wenn nicht stärker. Welch ein Wust von Rollen, von personae sich doch einmischen, wenn man krank ist, neben der Abscheu vor sich selbst und dem Bedürfnis, sich zu schützen, der immer wiederkehrenden Einfalt und Panik. Meine Identität gleicht einem Floß, umhergeworfen oder dahingleitend auf einem Strom von Gefühlen und Schrecken, darunter auch die morgendliche Illusion (die manchmal zehn Minuten anhält), jung und heil zu sein.

Im Kranksein, wie ich es nun erlebe, verbinden sich Schocks - diesmal werde ich sterben - mit einem Schmerz, mit Qualen, die mir nicht vertraut sind, die mich mir entreißen. Es ist, als nähme man an seiner Beerdigung teil, als suche man den Verlust in seiner reinsten, monumentalsten Form auf, dieses wilde Dunkel, das nicht nur unbekannt ist, sondern in welches man nicht als man selbst eintreten kann. Niemand gehört ganz und gar der Natur, der Zeit: Die Identität war ein Spiel. Was demnächst passieren wird, ist nicht grausam, sondern nur eine Art und Weise, erwischt zu werden.

Die Erinnerung, wie vollständig und klar oder wie gewunden auch immer, muß beendet, muß abgestreift werden, als träte man aus einer Kapelle und brächte das Gebet im Kopf zu einem Ende. Es ist der Tod, der bis zum Mittelpunkt der Erde, der großen Grabkirche, welche die Erde ist, hinabreicht und andererseits hinaus bis zu den gekrümmten Rändern des Universums, wie man es dem Licht nachsagt.

Nennen wir es die Grube, die melodramatische Grube: Die bodenlose Gefahr, in der man sich auf der Welt befindet, hat einen Boden: Blut und endendes Bewußtsein. Dennoch erwache ich nicht voller Wut oder wütend darauf erpicht, zu kämpfen und anzuklagen. (Irgendwie hat es mir immer an Zorn gefehlt. Ich bin unbezähmbar und willensstark gewesen, jedoch ohne Zorn. Ich fand oft, daß Männer nach Zorn stanken; deswegen habe ich Frauen vorgezogen, und Homosexuelle.)

Ich erwache in der nicht völlig angewiderten Gewißheit, daß ich einfach wieder jung und auf kuriose Weise friedlich bin, ein Beobachter, der um den Streitwagen der Zeit weiß und spürt, daß irgendeine Metamorphose sich ereignet hat.

Ich durchlebe eine umgekehrte Adoleszenz, ebenso mysteriös wie die erste, nur daß ich sie diesmal als Verfall der Chancen empfinde, daß ich wohl noch eine Weile leben dürfte, daß ich durch Schlafen darüber hinwegkommen kann. Und daß ich sie als sprachliche Veränderung erlebe: Ich kann nicht sagen, ich sehe dich dann im Sommer. Ich kann nicht schmerzfrei leben, und die Kraft, von der ich den ganzen Tag über zehre, ist Ellens Kraft. Manchmal kann ich nicht ganz glauben, daß ich jemals lebendig war, daß ich ein anderer gewesen bin und geschrieben habe - und geliebt habe oder darin versagt habe . . . Diese Tilgung verstehe ich im Grunde nicht. O ja, einen Abschluß kann ich begreifen, daß eine große Macht mich durch jemand anderes (und durch Schweigen) ersetzt, diese Unfähigkeit aber, angesichts des Todes eine Identität zu wahren - das, glaube ich, habe ich nie beschrieben gefunden, in keiner der vielen Todesszenen und Schilderungen des Alters, die ich gelesen habe. Es ist merkwürdig, wie mein Leben zu diesem Punkt herabgetaumelt ist, daß meine Erinnerungen nicht mehr den Körper betreffen, in dem sich meine Worte bilden.

Als ich krank wurde, habe ich - fast das erste, was ich tat - ein wirklich gutes Fernsehgerät gekauft. Die Popkultur ist unerträglich, wenn sie nicht prachtvoll präsentiert wird, mit allen Facetten ihrer Gewandtheit und Größe.

Ich schätze in letzter Zeit den Begriff "Streß-Management" über alle Maßen. Streß-Management bedeutet fast totale Verantwortungslosigkeit: jeden Abend eine Schlafpille, endloses Fernsehen (prachtvoll präsentiert), Post-Beantwortung nur dann, wenn ich mich weltoffen und gesellig fühle. Diese Adoleszenz ist uralt, einer männlichen Diva angemessen . . .

Seht her, ich sterbe . . .

Die Prozession der Pillen: zwei Advil, eine 3TC, eine AZT, eine Paxil heute morgen und gestern abend, als ich von Schweißausbrüchen durchweicht war, eine Behandlung mit Pentamidine. Die körperliche Schwäche und mein persönliches Gefühl von Unwissenheit lassen die schwarze Grube entstehen und erfüllen mich mit ungeduldiger Furcht. Die Nadel hat die Stelle des Kusses eingenommen. Der Tod und ich liegen in totalem Streit, Kopf an Kopf, in klarer gegenseitiger Abneigung. Der Tod will niemanden haben, der begonnen hat, nach Arznei zu schmecken, aufgedunsen und konturlos ist. (Fett und bleich - und dann eine Zeitlang grotesk rosa und violett von den Medikamenten - und schuppig bin ich, in physischer Hinsicht also endlich ein Intellektueller.) Der Akquisitionstrieb des Todes wird jedoch siegen. Ich empfinde den Tod als Schmutz, der über mir zusammenschlägt.

Man könnte vielleicht sagen, daß ich sehr wenig aus meinem Leben gemacht habe, doch la douceur, wenn dies das richtige Wort ist, Talleyrands Wort, war überwältigend. Schmerzlich und licht und wundervoll.

Noch immer habe ich Tausende von Meinungen - nach den Millionen, die ich einmal hatte -, und wie immer weiß ich nichts.

Ich weiß nicht, ob die innere Dunkelheit zunimmt oder ob ich mich auflöse, sanft explodiere, in winzige Komponenten anderer Existenzen zerspringe: Mikro-Existenz . . . Ich reagiere sensibel auf die Geschwindigkeit, mit der die Momente dahinziehen, und wenn ich mich in jenen Teil meines Kopfs begebe, der aufmerksam die Bewegtheit der Welt wahrnimmt, ist mir bewußt, daß das Leben nie perfekt, nie absolut gewesen ist. Dies macht mich genügsam, sogar furchtlos.

Trennung, Distanzierung, Tod. Ich sehe, wie jemand anderes darauf besteht, er oder sie führe ein verdienstvolles Leben - durch Pflichterfüllung, Intellekt, Leistung -, und erkenne, daß dies größtenteils Unsinn ist. Und ich, zum Teufel noch mal, bin entweder ein Genie oder ein Betrüger oder - was ich eigentlich glaube - besessen von Stimmen und Ereignissen vom äußersten Rand der Erinnerung, und niemals habe ich anders existiert als nach Art eines Vorgartens in Illinois, in dem sich diese Dinge abspielen, immer wieder, bis ich sterbe.

Es stört mich, daß ich das Ende des Jahrhunderts nicht mehr erleben werde - denn ich erinnere mich, daß ich, als ich jung war, zu meiner Adoptivschwester Marilyn gesagt habe, so lange wollte ich leben: siebzig Jahre lang. Und dann das Fest erleben. Ich erinnere mich an das wirkliche Licht, das im Zimmer herrschte - ich nenne es wirklich, denn ein Traumlicht ist es nicht. Marilyn ist sehr hübsch und ein bißchen von sich eingenommen, etwas mollig, und nie möchte sie so alt werden wie Großmama. Wenn Marilyn noch lebt, müßte sie jetzt Mitte Siebzig sein: Vielleicht würde ich sie auf der Straße nicht wiedererkennen.

Jedem habe ich die Frage gestellt - ich war vielleicht sechs oder sieben -, wirklich jedem, den Kindern in der Schule, den Lehrern, den Frauen in der Kantine, den Eltern anderer Kinder: Wie lange willst du leben? Ich nehme an, insgeheim lautete die Frage: Was macht dir Freude? Hast du Freude am Leben? Würdest du unter allen Umständen versuchen weiterzuleben?

Bis zum Ende des Jahrhunderts, sagte ich, wenn man mich fragte.

Nun, ich werde es nicht schaffen.

Wahre Geschichten, autobiographische Geschichten, beginnen wie manche Romane lange vor den Ereignissen, von denen sie berichten, vor der Geburt mancher Personen, die in der Geschichte agieren.

In meinem Falle sollte also eine autobiographische Geschichte vom Sterben Mitteilungen über die Juden in Europa sowie über russische und jüdische Ereignisse enthalten - über Pogrome, Flucht, Morde und die Revolution, die meine Mutter hierhertrieb. (Eine Familie von Rabbis wie die meine, die sich durch vierzig Jahrhunderte schleppt, stellt ein Netz von Kopulationen dar, in das die halbe Welt und ihre genetischen Spuren einbezogen sind, so daß ich, wenn ich in den diversen Abschnitten meiner selbst umherwandere, auf Schatten aus Nürnberg, Hamburg und St. Petersburg stoße.)

Also sollte ich auch eine Ode auf Amerika, auf Illinois, auf Winkel der Welt schreiben, und auf die Einwanderung, das Nomadentum, den Stolz von Frauen, ihre Lüsternheit und, in gewissen Fällen, Vorsicht. Ich sollte ein Solo auf die Klassenfragen singen, in denen leidenschaftliche Überzeugungen sich mit Abgrenzungsbedürfnissen verbinden. Ich sollte ein Lied auf jene Menschen singen, die kategorisch darauf bestehen, daß sie selbst und nicht die Gesellschaft, nicht fixe Ideen darüber bestimmen werden, wer sie sind. Ihnen bin ich mit meinem Leben, meinem Werk, meinen Gefühlen, meinem Tod verbunden.

Meine eigenen Schatten, das Licht von New York werden mir nun manchmal zuviel, ich schließe die Jalousien. Gerade habe ich Raumschiffe für meinen Enkelsohn gezeichnet. Ich stelle mir gern vor, daß Ellen und ich vielleicht bald wieder aufs Land fahren.

In New York lebt man noch um einiges stärker im Augenblick, als Sokrates es empfohlen hat, so daß es einem bei einer Party oder allein im eigenen Zimmer immer schwerfallen wird, den Wert abzuschätzen, den irgend etwas auf lange Sicht besitzen könnte. Als ich anfing, gelegentlich nach New York zu kommen, studierte ich in Harvard.

Das war sechs Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs. New York glitzerte damals nicht. Es gab keine spiegelnden Glasfassaden, sondern Steingebäude, die starr wirkten und kleine Fenster hatten, die vereinzelt Sonnenstrahlen einfingen und in der Dämmerung funkelten: Reihen von Häusern in paillettenbesetzten Korsetts. Wenn ich in einem Cabriolet, das der sehr reichen Mutter eines Schulfreunds gehörte, durch die Straßen fuhr, sah ich all die plötzlich sich auftürmenden und dann fliehenden Perspektiven, als hinterließe der eigene Kopf eine ungeheuer hohe steinerne Kielwelle. Reklamen flogen vorbei, Plakatwände, Neonschriften und Schilder über Schaufenstern: eine Einladung zum Ende der Einsamkeit. New York war wortgeil.

Es war bedrohlich und reizvoll, wie die rechtwinkligen Perspektiven sich längs der fetten Avenues verzerrten, die sich ihrerseits im schwindenden bläulichen Licht des in Auflösung begriffenen Arbeitstags verwandelten. Überwältigende Schönheit und Sorglosigkeit, das war Manhattan damals - eines der Weltwunder.

New York war die Metropole der amerikanischen Sexualität, der einzige Ort in Amerika, wo man einigermaßen kultivierten Sex haben konnte, und deswegen waren Peggy Guggenheim und André Breton während des Krieges hierhergekommen, während Thomas Mann, der schüchtern war, und Igor Strawinsky, der fromm war, nach Los Angeles gezogen waren, dem besten Ort für Voyeure. Ich bin immer verrückt nach New York gewesen, abhängig von der Stadt, beängstigt von ihr - sie ist ja auch wirklich gefährlich -, doch dahinter verbarg sich der Druck, der auf einem lastet, wenn man jung ist und noch nichts hervorgebracht hat, was einem wirklich gefällt - ein Werk wie ein Markenzeichen, ein bahnbrechendes Werk. Das Problem an der Einladung, die einem die Stadt übermittelte, bestand darin, daß man sich bewußt war, man werde es vielleicht nicht schaffen: Man konnte ertrinken, vom Zug stürzen - jede Metapher, die einem zusagte, paßte -, bevor man etwas Interessantes gemacht hatte.

Dann hätte man sein Leben vergeudet. Man arbeitete entweder hart oder überhaupt nicht und versuchte, dem fortwährenden vernichtenden Urteil standzuhalten. Man sah mit an, wie einige Leute die Gespräche anderer nach Formulierungen durchsuchten - jene Jagd nach Ideen, die manchmal dem Aufsammeln toter Vögel gleicht. Man wurde der Kehrseite des Glanzes ansichtig - daß jeder eifersüchtig ist.

Es ist kein Scherz, das große Getöse von New York. Es ist das Geräusch, das schrille Leute bei der Party, bei allen Parties erzeugen, während sie für diesen da den Zuhälter spielen und jenem da einen Gefallen erweisen und verblasene öffentliche Erklärungen abgeben und ganz sittsam sind und Erpressungen lancieren und hinterher beim Essen über alle herziehen.

Ich fühle mich sehr gut, und irgendein mysteriöser Zyklus will es, daß ich mich nun schon eine Woche sehr glücklich fühle. Die Welt ist immer noch weit fort, scheint mir. Und jeden dahingleitenden Moment höre ich wispern. Und doch bin ich glücklich - sogar überdreht, geradezu narrisch. Aber glücklich. Es ist eine höchst seltsame Vorstellung, daß man den eigenen Tod genießen könnte. Ellen hat begonnen, über dieses Phänomen zu lachen. Wir sind grotesk, das wissen wir, aber was können wir daran ändern? Wir sind glücklich.

Was mich angeht, so habe ich einen literarischen Ruf vornehmlich im Ausland, doch verankert bin ich hier in New York. Ich weiß keinen anderen Ort, an dem ich lieber stürbe als hier. Gern würde ich es im Bett tun und dabei aus meinem Fenster schauen. Ich finde den Ärger, das Unbehagen, die schiere physische und mentale Gefährdung hier interessanter als den Komfort irgendeines anderen Orts.

Ich habe ein Bett auf einem hölzernen Podest - drei Stufen hoch -, und da liege ich, ans Fenster geschmiegt, von dem aus ich nach Midtown blicke mit seiner changierenden Parade von Hochhäusern und Licht; vorbeifliegende Vögel werfen Schatten auf mich, auf mein Gesicht, meine Brust.

Ich kann die Vergangenheit nicht ändern und glaube, ich würde es auch nicht wollen. Ich erwarte nicht, daß man mich versteht.

Mir gefällt, was ich geschrieben habe, die Stories und die beiden Romane. Müßte ich, um von dieser Krankheit befreit zu werden, auf das verzichten, was ich geschrieben haben, ich täte es nicht.

Man kann die Welt satt haben - die Gebete-Macher, die Gedichte-Macher satt haben, deren Rituale zerstreuend und menschlich und angenehm sind, aber noch ärger als ärgerlich, weil sie ohne Wirklichkeit sind - während einem die Wirklichkeit selbst sehr lieb bleibt.

Man möchte noch Blicke auf das Wirkliche erhaschen. Gott ist etwas Unermeßliches, während diese Krankheit, dieser Tod, der in mir steckt, dieses kleine, eng umrissene Ereignis, lediglich real ist, restlos, ohne ein Wunder zu bergen - oder eine Lehre.

Ich stehe auf einem frei treibenden Floß, einem Kahn, der sich auf der biegsamen, fließenden Oberfläche eines Stroms bewegt.

Es ist eine unsichere Situation. Ich weiß nicht, was ich tue.

Die Unwissenheit, die angespannte Balance, die abrupten Stöße und die Instabilität breiten sich in kleinen, immer weitere Kreise ziehenden Wellen über meine sämtlichen Gedanken aus. Frieden?

Den hat es auf der Welt niemals gegeben. Doch auf dem geschmeidigen Wasser, unter dem Himmel, unverankert, reise ich nun dahin und höre mich lachen, zuerst aus Nervosität und dann vor echtem Staunen.

Ich bin davon umgeben.

Aus dem Englischen von Angela Praesent