Vornehm gekleidete Damen mit blassen Gesichtern unter pastellfarbenen Sonnenschirmchen flanieren die palmenbestandene Calle Baquedano auf und ab, Buchhalter und Makler, diesen Anblick genießend, lehnen sich über die kunstvoll geschnitzten Balustraden zweistöckiger Holzvillen. Währenddessen läutet der englische Glockenturm von 1877, der sich auf der nahen Plaza selbstbewußt erhebt, das Ende der Siesta ein. Bunte Plakate künden ein Gastspiel der Broadway Company im neuerbauten Teatro Municipal an. Es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich das Leben in Iquique zur Zeit der Salpeterbarone vorzustellen, denn das architektonische Exterieur im historischen Zentrum der Hafenstadt ist noch weitgehend vorhanden.

Den Reichtum dieser Epoche demonstriert beeindruckend der Palacio Astoreca von 1904, in dem das Mobiliar jener Zeit besichtigt werden kann. Und wer einen Blick in das Innere des heutigen Restaurants im Centro Espanol wirft, das 1903 im maurischen Stil als Club der spanischen Kolonie erbaut worden war, fühlt sich in eine Geschichte aus Tausendundeiner Nacht versetzt. Iquique, die Hafen- und einstige Salpeterhauptstadt Chiles, eignet sich hervorragend als Ausgangspunkt für eine Reise durch den Norden des Landes, eine Region, deren wirtschaftliches Auf und Ab entscheidend von den verborgenen Bodenschätzen in der Atacama-Wüste abhing und noch immer abhängt.

Die reichen Salpetervorkommen um Pozo Almonte und Maria Elena, nicht weit von Iquique, waren zwar schon zu Kolonialzeiten bekannt, aber man wußte mit diesem Rohstoff wenig anzufangen. Das änderte sich schlagartig, als Mitte des 19. Jahrhunderts der Deutsche Justus von Liebig die Bedeutung des Salpeters als Düngemittel erkannte. Diese Entdeckung bedeutete eine Revolution für die landwirtschaftliche Produktion, und sie war Anlaß zu einem der blutigsten Kriege an der Westküste Südamerikas. Ein Großteil der Bodenschätze befand sich, wie auch die Stadt Iquique, auf peruanischem Gebiet, ein kleinerer Teil auf bolivianischem Territorium.

Zunächst ging alles noch recht friedlich zu: Chile wurde der Salpeterabbau auf bolivianischer Seite vertraglich zugestanden. So konnten schon 1865 320 000 Tonnen Salpeter gewonnen und in Iquique verschifft werden. Von 1870 an verbanden dann Bahngleise die Stadt mit den Schürfstellen in der Wüste. Der steile Verlauf der Schienen vom Hafen aus die 600 Meter hohe Felswand hinauf ist noch heute gut erkennbar - eine Meisterleistung der damaligen Eisenbahntechnologie.

Die Stadt stand in voller wirtschaftlicher Blüte, als sie 1879 zum Schauplatz des Salpeterkrieges wurde. Nachdem Chile den bolivianischen Hafen von Antofagasta blockiert hatte, erklärte erst Bolivien, dann Peru dem Provokateur den Krieg. So lagen sich am 21. Mai in einer Seeschlacht vor der Küste von Iquique das peruanische Schlachtschiff Huáscar und die chilenische Esmeralda gegenüber.

Die Esmeralda versank mitsamt ihrem Kapitän (und heutigem Nationalhelden) Arturo Prat im Pazifik. Eine Boje markiert noch die Stelle vor der Hafenbucht, wo die schweren Kämpfe auf beiden Seiten zahlreiche Opfer forderten. Chile ging als Sieger hervor und gewann 1884 den ganzen heutigen Norden als Staatsgebiet dazu.

Nordchile nahm einen enormen Aufschwung: Hier lebten zeitweilig mehr Menschen als im fruchtbaren Süden des Landes, hier befanden sich die reichsten Städte Chiles. Bis zu fünfzig Prozent der Staatseinnahmen stützten sich auf den Salpeterabbau und -export. Im Ersten Weltkrieg, als Salpeter zur Herstellung von Schießpulver benutzt wurde, besaß Chile praktisch die Monopolstellung. Die Region hatte eine Infrastruktur, die heute oft nur noch in ihren kümmerlichen Resten erkennbar ist: Ein Gleisnetz von über 15 000 Kilometern durchzog die Wüste von Nord nach Süd und schaffte Querverbindungen zu den Ausfuhrhäfen.