Da ist sie wieder, diese Sehnsucht, wie ein Vogel über eine vertraute Landschaft zu gleiten. Nicht hoch, vielleicht nur ein paar Meter, damit alles im Blick bleibt, was uns wichtig ist. Da der wilde Wald, dort die kleine Insel im Fluß, daneben das Wehr, an dem das Wasser bedrohlich rauscht. Weiter nördlich die alte Furt, das Herrschaftshaus und eine fein parzellierte Landschaft aus Feldern, Wiesen und Hecken, durch die sich der Fluß räkelt und Geschichten mit sich trägt, die an seinen Ufern erzählt werden.

Geschichten aus der Welt unter den Weiden, ein seltenes Refugium der Phantasie: überschaubar in ihren Grenzen und geheimnisvoll in jedem ihrer Schattenwinkel.

Nicht zuletzt die zauberhaften und zeitlosen Stimmungen einer Landschaft am Rand der bürgerlichen Zivilisation haben den 1908 erstmals veröffentlichten Roman des Bankbeamten Kenneth Grahame, "The Wind in the Willows" ("Der Wind in den Weiden"), zum Klassiker der englischen Kinderliteratur gemacht. Für alle Generationen, weil es Grahame verstand, ins kindgemäße Abenteuermilieu Charaktere zu setzen, die direkt einem britischen Junggesellenclub entsprungen zu sein schienen. Vier Männerfreunde von höchst unterschiedlichem Wesen und Temperament leben in der Welt am Fluß. Der Maulwurf - vernünftig, ehrlich, offenherzig. Der Ratterich - herzensgut, furchtlos, klug und ein Meister der Poesie. Der Dachs - weise, prinzipientreu, menschenscheu und äußerst skeptisch gegenüber gesellschaftlichen Moden. Und schließlich das kollektive Alter ego, das all das vereint, was den anderen fehlt und sie, für sich allein genommen, zu rechtschaffenen Langeweilern macht: der Kröterich - jovial, larmoyant, eingebildet, besessen, unbelehrbar und stinkreich.

Seine Eskapaden haben die drei noblen Geschöpfe auszubaden und geradezurücken. Das Wie und Was und Ob-überhaupt machen die Spannung in der Geschichte aus. Was wäre das Leben schon ohne Kröterich?

Da ist sie wieder, diese Sehnsucht, wie ein Vogel über eine vertraute Landschaft zu gleiten, wenn man(n) über das Frontispiz-Panorama unterm Buchdeckel in eine Geschichte hineinschwebt, die 85 Jahre nach Grahames Erzählung geschrieben wurde. Der englische Schriftsteller William Horwood schwelgt seit der Knabenzeit so in Grahames Welt am Fluß, daß er sich einen Wunschtraum erfüllte, als er die Abenteuer von Maulwurf, Ratterich, Dachs und Kröterich in "The Willows in Winter" fortschrieb, bei Thienemann als "Winter in den Weiden" erschienen. Wer mit Leib und Seele das Leben am Fluß kennenlernen möchte, sollte aber unbedingt mit Grahames Roman beginnen, der - von Harry Rowohlt erfrischend ironisch übertragen und von Heinz Edelmann illustriert - als Taschenbuch vorliegt. Im Frühjahr erscheint der Klassiker auch bei Thienemann (in neuer Ausstattung und Übersetzung).

In "Winter in den Weiden" hält sich Übersetzerin Anne Löhr-Gössling - im Gegensatz zu Harry Rowohlt - respektvoll zurück, wenn es um die zeitgemäße Interpretation der Gemütsstimmungen geht, die die Figuren so liebenswert machen. Daß Horwood nicht auf der Welle eines ewigen Bestsellers schwimmt, sondern mit ganzem Herzen in seiner Geschichte lebt, spürt man besonders in der feinsinnigen Gestaltung der Charaktere, die der Einbindung ins soziale Milieu der Edwardianischen Zeit noch stärker dient als das Vorbild. Die Schilderung der Naturstimmungen allerdings erreicht - vielleicht mit Absicht - die verklärte, pantheistische Aura des Klassikers nicht. Diesen Zauber entdeckt man dafür in Patrick Bensons Tuschzeichnungen, die ebensoviel Atmosphäre über die Flußlandschaft legen, wie Horwoods erzählerische Leidenschaft die Spannung im Leben der vier Freunde befördert.

Kenneth Grahame/Heinz Edelmann (Ill.):