Eine politische Farce? Da tritt ein Milliardär und Vollblutkapitalist an, um Europa zu retten vor den Götzen der Moderne - Freihandel, Gatt und Maastricht. Und was tut er? Er gründet eine Partei. Wo?

Ausgerechnet in Großbritannien, wo ein gnadenloses Mehrheitswahlrecht die Parteienlandschaft zubetoniert und traditionalistische Wähler wenig Neigung zeigen, sich dagegen zu wehren. Dennoch ist Sir James Goldsmith bereit, seine Referendum Party notfalls in allen 630 Wahlkreisen antreten zu lassen - jedenfalls überall dort, wo sich die Kandidaten der großen Parteien nicht eindeutig auf eine Volksabstimmung über (genauer: gegen) Maastricht und die Europäische Union verpflichten mögen.

Londons politische Klasse spart nicht mit Spott. "Je reicher, desto verrückter", sagen die einen; böse Zungen tun James Goldsmith als "Playboy-Plutokraten" ab. Aber ein Hauch von Furcht und widerwilligem Respekt schwingt doch mit. Sir James ist ein europäischer Ross Perot, er meint es bitter ernst mit seiner Einmischung in die hohe Politik. Er weiß, daß laut Umfragen über siebzig Prozent der Briten die Europäische Währungsunion ablehnen. Und er hat stets einen Riecher für Trends bewiesen.

Wie etwa am Schwarzen Montag 1987, als einer wie Rupert Murdoch binnen einer Stunde 700 Millionen Dollar an den globalen Finanzmärkten verlor; "Goldfinger" Goldsmith hatte rechtzeitig seine Aktienpakete abgestoßen und sitzt seither wie Alberich auf einem riesigen Goldschatz.

So kann er locker aus seinem Vermögen von sechs bis acht Milliarden Dollar fünfzig bis sechzig Millionen Mark für den Wahlkampf hinblättern, genausoviel wie jede der beiden großen Parteien. In Frankreich war er schon erfolgreich: Nach einem fulminanten Wahlkampf gewann seine Anti-Maastricht-Liste L'Autre Europe 12,3 Prozent der Stimmen und zog mit dreizehn Abgeordneten ins Europaparlament ein.

Die Tories, die zu Jahresbeginn in ein neues Popularitätstief sackten, machen sich zu Recht schwere Sorgen: Erzielte die Goldsmith-Partei bei den Parlamentswahlen nur 1,5 Prozent, könnte dies John Majors Partei zehn bis fünfzehn, vielleicht gar zwanzig Sitze und damit die Macht kosten. Einen prominenten Kandidaten hat Goldsmith schon gewonnen: Der Ökonomieprofessor Sir Alan Walters, langjähriger Berater Margaret Thatchers, wird im Wahlkreis des Pro-Europäers und Schatzkanzlers Kenneth Clarke antreten. Goldsmith selber könnte im Sprengel von John Major um Stimmen werben.

Die Konkurrenz zeigt Wirkung. Inzwischen redet John Major schon fast wie hartleibige Eurorebellen; immer deutlicher winkt der Premier mit einer möglichen Volksabstimmung. Und aus Angst, etwa als "Brüssels Pudel" abgestempelt zu werden, geht auch Labour-Chef Tony Blair auf Distanz zu Währungsunion und Euro. Ohne die Störmanöver eines James Goldsmith hätte sich das politische London sicher hinter der alten Formel verschanzt, ein Referendum passe nicht zu Großbritanniens ehrwürdigem Parlamentarismus.