So schnell ändern sich die Zeiten. Mitte Januar noch sprach die Bonner Umweltministerin Angela Merkel aus, was viele Umweltschützer schon seit längerem fürchten: daß die Ökologie Gefahr laufe, angesichts der Standortdebatte zum nebensächlichen Thema degradiert zu werden.

In der vergangenen Woche aber fand sie das große Wort, ausgerechnet die Bonner Abfallpolitik sei "Impulsgeber für eine nachhaltige Wirtschafts- und Lebensweise". Ein erstaunlicher Sinneswandel.

Anlaß für Merkels Eigenlob war die Präsentation der jüngsten Müllstatistik.

Das Zahlenwerk offenbart in der Tat, daß die unerfreulichen Hinterlassenschaften des ökonomischen Verdauungsapparates binnen vier Jahren um glatte zehn Prozent geschrumpft sind. Statt auf 374 Millionen Tonnen, wie noch 1990, belief sich das gesamte Abfallaufkommen 1993 auf nur noch 337 Millionen Tonnen. Damit nicht genug: Es wurde auch mehr Abfall verwertet als noch 1990 - getreu der Bonner Mülldevise: Vermeiden, verwerten und dann erst entsorgen. Prima, oder?

Tatsächlich steckt die scheinbare Erfolgsstatistik nicht nur voller Tücken. Beim umweltbewußten Bürger muß sie letzten Endes auch mächtig für Ärger sorgen - erfährt er doch täglich, daß trotz seiner Sammelwut die Müllgebühren steigen. Merkels Abfallbilanz selbst und solche Ungereimtheiten beweisen, daß die Umweltpolitik geblieben ist, was sie immer war: ein teurer Reparaturbetrieb.

Wer sich in die Niederungen des Zifferntableaus begibt, lernt zunächst vor allem eins: Den Umweltpolitikern ist der Erfolg bei der Müllverminderung geradezu in den Schoß gefallen. Um fast 17 Millionen Tonnen sanken die Produktionsabfälle in den ostdeutschen Betrieben - der schlichte Effekt des wirtschaftlichen Niedergangs in den neuen Bundesländern. Und um 21 Millionen Tonnen schrumpfte der Abraum aus dem Bergbau, weil die Förderung von Steinkohle und Kalisalzen rückläufig war. Das macht zusammen 38 Millionen Tonnen. Gleichzeitig ist allerdings die Bauschuttmenge, insbesondere durch die rege Bautätigkeit in Ostdeutschland, um rund 11 Millionen Tonnen gestiegen.

Also hat sich durch "autonome" Entwicklungen das Müllaufkommen unterm Strich um rund 27 Millionen Tonnen vermindert. Allenfalls für die Differenz zu der tatsächlich festgestellten Müllreduktion, 37 Millionen Tonnen, können demnach die Umweltpolitiker verantwortlich sein - also im besten Fall für drei statt für zehn Prozent. Wer sich mehr auf die Fahnen schreibt, täuscht sich selbst und sein Publikum.