Es ist eine große Ehre, heute hier die Reinhold-Maier-Medaille - die Auszeichnung für liberale Gesinnung - entgegennehmen zu dürfen. Stolz erfüllt mich vor allem auch angesichts der Tatsache, daß hier, in diesem traditionell-liberalen Land, eine Preußin als im geistigen Sinne ebenbürtig akzeptiert wird.

Sie müssen mir bitte nachsehen, daß ich bei dem Stichwort "Preußen" den Wunsch nicht unterdrücken kann, ein paar Worte zu diesem Thema zu sagen. Ich habe nämlich den Verdacht, daß im liberalen Baden-Württemberg manche meinen, das Attribut "preußisch" sei ein Synonym für militaristisch und anti-liberal.

Darum möchte ich hier daran erinnern, daß das Allgemeine Preußische Landrecht von 1794 als das fortschrittlichste Recht in Europa galt. Auch sollte man nicht vergessen, daß die großen Reformen zu Beginn des 19. Jahrhunderts alle in Preußen entwickelt und dort zuerst eingeführt wurden: Bauernbefreiung 1807, Städteordnung 1808, Heeresreform, Judenemanzipation 1812, Gewerbefreiheit. Und schließlich, daß es Friedrich der Große war, der mit den abtrünnigen Staaten von Amerika einen Handels- und Freundschaftsvertrag abschloß, über den George Washington im Jahre 1786 schrieb: "Es ist der liberalste Vertrag, der je zwischen zwei Mächten geschlossen wurde."

Nach dieser kleinen Schleichwerbung zurück ins schwäbische Land.

Reinhold Maier, der erste Ministerpräsident, hat 1952 gesagt: "Wir wollen die Freiheit ganz, wir wollen sie überall. Wir wollen die wirtschaftliche Freiheit, die kulturelle, die Freiheit im Inneren, wir wollen die Freiheit nach außen. Es gibt nicht einzelne Freiheiten, keine unter- oder abgeteilten Freiheiten, sondern nur eine ganze Freiheit."

Wenn man sich diese Sätze, diesen idealistischen Ausbruch, vergegenwärtigt, dann spürt man, wie sehr die Zeiten sich verändert haben. Damals, nach zwölf langen Jahren totalitärer Unterdrückung, lechzte man nach Freiheit; man konnte sich gar nicht vorstellen, daß es je genug davon geben werde.

Heute, nach über vierzig Jahren, sind wir skeptischer gestimmt.