Vor einem Vierteljahrhundert verband der amerikanische Forscher Douglas Coleman den Blutkreislauf einer fetten Maus mit dem einer normalgewichtigen und beobachtete, was er erwartet hatte: Die dicke Maus fraß weniger und speckte ab. Coleman folgerte daraus, im Blut der dünnen müsse ein Stoff enthalten sein, der den Appetit der dicken bremse. Ihn zu isolieren gelang ihm aber nicht. Erst heute weiß man, daß ein Milliardstel Gramm davon in jedem Milliliter Blut normalgewichtiger Mäuse enthalten ist. Die Substanz, Leptin, wird in Fettzellen gebildet und ist das Produkt des schlagzeilenträchtigen "Fettsucht"-Gens, das Jeffrey Friedman an der Rockefeller-Universität in New York Ende 1994 entdeckt hat. Ist dieses OB-Gen (für englisch obesity = Fettsucht) defekt, wird die Maus fett und obendrein zuckerkrank. Umgekehrt macht der Austausch des defekten Gens gegen ein intaktes die Maus schlank und gesund. Eine so gentechnisch behandelte Maus verlor binnen achtzehn Tagen vierzig Prozent ihres Körpergewichts.

Die Pharmaindustrie erkannte das ökonomische Potential des OB-Gens.

Die kalifornische Firma Amgen kaufte dem New Yorker Forscher sein OB-Gen-Patent für zwanzig Millionen Dollar ab - ein Spottpreis angesichts fünfzig Millionen massiv übergewichtiger Amerikaner, die viel Geld in ein Mittel stecken würden, das die Fettsucht und die oft damit verbundene Zuckerkrankheit wirksam bekämpfen könnte. Amgen-Forscher klonten das Gen in Bakterien, die dann große Mengen seines Produktes, Leptin, synthetisierten.

Ein "Wundermittel" schien gefunden. Auf fette Mäuse, die wegen eines mutierten OB-Gens kein Leptin bildeten, wirkte die Substanz, von außen injiziert, wie ein Jungbrunnen. Saßen die Tiere zuvor lethargisch im Käfig, entwickelten sie nun Lust an Bewegung. Ihr Freßdrang war gebremst, sie verloren täglich drei Prozent ihres Körpergewichts und waren nach vier Wochen rank wie ihre normalen Käfiggenossen.

Hatte man also einen Sättigungsfaktor entdeckt, der auch beim Menschen helfen könnte? Tatsächlich stellte sich alsbald heraus, daß auch der Mensch über ein OB-Gen verfügt, das dem der Maus zudem sehr ähnlich ist. Die Börsenkurse von Amgen-Aktien stiegen um zehn Prozent, und alles schien so einfach: Man nehme Leptin, und schon purzeln die Pfunde. Aber die Sache erwies sich als vertrackter.

Gerade bei besonders dicken Mäusen und Menschen ist das OB-Gen oftmals unversehrt. Folglich wird auch genügend Leptin produziert.

Und mehr noch: Die besonders Dicken haben oft sogar besonders viel Leptin im Blut, ohne daß die Rezeptoren im Gehirn damit etwas anfangen können. Unsinnig wäre es also, noch mehr Leptin zuzuführen. Die Leptin-Resistenz verhindert offenbar, daß die Botschaft vom Zustand der Fettzellen im Gehirn ankommt und Maus wie Mensch kein Gefühl der Sättigung spüren. Ob die Blockierung auf einem Schaden am Rezeptor beruht oder gar das Rezeptor-Gen mutiert ist, bleibt bislang unklar.