Eine trügerische Bezeichnung: Waffenstillstandslinie. So heißt in der Sprache der Vereinten Nationen die Grenze, die den kleineren pakistanischen vom größeren, indisch kontrollierten Teil Kaschmirs trennt. Aber die harmlose Bezeichnung hat wenig mit der Realität gemein. Bis an die Zähne bewaffnet, stehen sich Inder und Pakistaner gegenüber: Die Kaschmirgrenze ist die gefährlichste der Welt, weil sich hier zwei Atommächte gegenüberstehen. Kein Tag ohne Schußwechsel. Die Raketen freilich, die nach dem letzten Freitagsgebet in zwei pakistanischen Ortschaften einschlugen und zwanzig Menschen töteten, haben die Spannungen dramatisch erhöht. Es seien indische Raketen gewesen, behaupten die Pakistaner, und ihr Präsident drohte: "Wir werden zurückschlagen!" Die Inder konterten und behaupteten, die Pakistaner hätten auf sich selbst gefeuert. An vielen Grenzabschnitten wird nun geschossen.

Aber nicht nur das: Am Wochenende erprobte Indien erfolgreich die neueste Version seiner Mittelstreckenrakete Prithvi. Sie kann mit Atomsprengköpfen bestückt werden und jedes wichtige Ziel in Pakistan erreichen. Der Test fand statt, obwohl die Amerikaner davor gewarnt hatten, mit dem Feuer zu spielen. Denn für sie ist die Region "eine der gefährlichsten und instabilsten Gebiete der Welt", und Kaschmir ist das Pulverfaß, das jederzeit explodieren kann. Sowohl Indien wie Pakistan verfügen über Atomwaffen. Alle Bemühungen des Westens, die beiden zur Unterschrift unter den Atomwaffensperrvertrag zu bewegen, sind bislang gescheitert. Pakistan will erst unterschreiben, wenn Indien unterzeichnet hat, und Indien hält den Vertrag für diskriminierend, weil er die fünf klassischen Atommächte ungeschoren läßt, den atomaren Neulingen aber alles verbietet. Zudem könne nur ein nuklearer Schutzschild jene Stabilität garantieren, die die Voraussetzung für den wirtschaftlichen Aufschwung sei, argumentieren die Inder. Sie sagen dies mit Blick auf den großen Konkurrenten China, vor dem sie sich fürchten. Und damit bleiben dann auch alle Optionen gegenüber dem Haßgegner Pakistan offen. Indien betrachtet sich nämlich als Großmacht - eine für die Region gefährliche Selbstüberschätzung.

Die Vorbereitungen zu einem indischen Atomtest (es wäre der zweite seit 1974), die amerikanische Satelliten in der Wüste Thar entdeckt haben wollen, sind offensichtlich erst einmal wiedereingestellt worden. Denn die Amerikaner hatten gedroht, daß ein solcher Test Sanktionen nach sich ziehen und zudem alle Hilfe eingestellt werde - einschließlich jener zwei Milliarden Dollar, die die Weltbank Indien jedes Jahr an Krediten gewährt.

Drei Kriege haben Indien und Pakistan seit der Teilung des Subkontinents gegeneinander geführt, zweimal ging es dabei um Kaschmir. Seit 1949 versucht ein Mini-Kontingent von vierzig Blauhelmen die Kontrahenten auseinanderzuhalten. Vergeblich. Denn sowohl die Inder wie auch die Pakistaner beanspruchen die kleine, aber strategisch wichtige Bergregion mit ihrer muslimischen Mehrheitsbevölkerung. Im indischen Teil, wo seit 1991 ein von Pakistan unterstützter Bürgerkrieg tobt, der zugleich ein regelrechter Volksaufstand ist gegen die auf 600 000 Mann angewachsene indische Streitmacht, geschehen die schlimmsten Menschenrechtsverletzungen. Mindestens 17 000 Menschen sind in den vergangenen fünf Jahren ums Leben gekommen, wofür die Inder die Verantwortung tragen. "Jetzt könnten wir unverhofft wieder in einen richtigen Krieg hineinrutschen", sagt der Mirwaiz Umar Farooq, der junge, oberste Geistliche von Kaschmir, bislang der größte Hoffnungsträger der Friedenssuchenden.

Doch seine Chancen als Mittler sind minimal. Denn sowohl indische wie pakistanische Politiker profilieren sich, indem sie sich in Sachen Kaschmir unnachgiebig zeigen. Es schert sie den Teufel, daß mittlerweile die Mehrheit der Kaschmiri weder zu Pakistan noch zu Indien gehören will, sondern die Unabhängigkeit verlangt.

In Indien wird in Kürze ein neues Parlament gewählt. Die rechtschauvinistische Indische Volkspartei BJP will die Wahlen gewinnen mit dem Ruf nach der Atombombe, der Zusage, in Kaschmir kurzen Prozeß zu machen, und dem Versprechen, die Vorherrschaft der Hindus zu etablieren.

Premierminister P. V. Narasimha Rao gerät mit seiner abgewirtschafteten Kongreßpartei in Zugzwang. Denn seinen politischen Gegnern ist es gelungen, ihn als "weich" gegenüber Pakistan darzustellen.