So langsam wird die Reaktionsmasse kritisch. Im Streit um den Forschungsreaktor Garching heizen sich die Gemüter auf. Im März wird die erste Teilerrichtungsgenehmigung für diesen ersten deutschen Atommeiler seit vielen Jahren erwartet - wohl die letzte Chance, dessen umstrittenes Konzept noch zu beeinflussen.

Mit früheren Kernenergie-Glaubenskämpfen hat die Auseinandersetzung um den Garchinger Reaktor wenig gemein. Der entschiedenste Protest kommt dieses Mal nicht von Anwohnern oder Bürgerinitiativen, sondern aus den Reihen der Wissenschaftler selbst. Denn der Forschungsreaktor FRM-II soll mit hochangereichertem Uran betrieben werden, einem Stoff, aus dem sich auch Atombomben bauen lassen.

Nun unterstellt niemand den Münchner Forschern, daß sie Waffen herstellen wollten. Ihnen geht es um ein Abfallprodukt der Kernreaktion: Die dabei freiwerdenden Neutronen lassen sich nämlich als Werkzeug für die Grundlagenforschung nutzen. Ähnlich wie mit Röntgenstrahlen kann man auch mit Neutronenstrahlen ins Innere der Materie blicken.

Werkstoffwissenschaftler durchleuchten Metalle, Keramiken und Kristalle, untersuchen Maschinenbauteile auf Fehler oder prüfen Löt- und Klebstellen. Neutronenstrahlen sind weniger aggressiv als die harte Röntgenstrahlung, daher kann man auch biologische Bausteine unbeschadet durchleuchten. Mediziner sind an der Neutronenforschung ebenso interessiert wie Lebensmittelchemiker, und am Forschungsreaktor des Berliner Hahn-Meitner-Institutes wurden auch schon Gemälde untersucht.

Doch die derzeitigen Kapazitäten in Deutschland sind weitgehend ausgereizt. Von fünf Neutronenquellen stammen vier noch aus den sechziger Jahren. Und am europäischen Höchstflußreaktor in Grenoble herrscht harter Konkurrenzkampf. Strahlzeiten werden nur an solche Gruppen vergeben, die bereits intensive Voruntersuchungen, etwa an den Reaktoren in Berlin, Jülich oder Geesthacht, aufzuweisen haben.

"Deutschland braucht eine neue Neutronenquelle", sagt auch der Physiker Werner Buckel, der zu den Kritikern des Münchner Projektes zählt. Dennoch ist er überzeugt: "Wir setzen mit dem FRM-II ein falsches Signal." Der inzwischen emeritierte Supraleitungsforscher Buckel genießt als ehemaliger Präsident der Europäischen Physikalischen Gesellschaft einen untadeligen Ruf in der physics community. Er spricht vielen Kollegen aus dem Herzen, wenn er das sture Festhalten der Münchner Neutronenforscher an hochangereichertem Uran als "völlig unverständlich" bezeichnet: "Mit etwas mehr Geld und größerer Reaktorleistung bekommt man nahezu denselben Neutronenfluß auch mit niedrigangereichertem Uran, das nicht bombenfähig ist."

Die USA initiierten daher schon 1979 ein globales Programm zur Umstellung ziviler Neutronenreaktoren auf niedrigangereichertes Uran. Eine geplante amerikanische "Advanced Neutron Source" wurde 1995 gar ganz gestrichen - zum Teil aus Geldmangel, zum Teil aber, wie der Dortmunder Neutronenforscher Franz Fujara weiß, "um ein Zeichen zu setzen". Auch Deutschland und Japan beteiligen sich an diesem Umstellungsprogramm - die Garchinger Pläne wirken da wie ein Schlag ins Gesicht der Abrüster. Die verstimmten Amerikaner haben bereits angekündigt, keinen hochangereicherten Brennstoff für den Forschungsreaktor zu liefern, und erst kürzlich traf sich eine amerikanische Delegation mit den Münchner Forschern am Tegernsee und versuchte, ihnen ins Gewissen zu reden.