Ein deutscher Professor, so heißt es, könne keinen Schritt tun, ohne eine Fußnote zu hinterlassen. Insbesondere in der englisch- amerikanischen Wissenschaft wird die Fußnote, zumal wenn sie vermehrt auftaucht, mit der deutschen Wissenschaft in Verbindung gebracht.

Deutsche Wissenschaftlichkeit, so eine Überzeugung, der man in England und Amerika immer wieder begegnet, besteht darin, Texte mit Fußnoten anzureichern. Anthony Grafton, ein jüngerer Historiker in Princeton, der mit dem deutschen Wissenschaftsbetrieb gut vertraut ist und zuletzt ein akademisches Jahr am Berliner Wissenschaftskolleg verbrachte, hat sich nun die Frage vorgelegt, ob diese Vorstellung von den Ursprüngen der Fußnote historisch gerechtfertigt ist.

Es ist selbstverständlich, daß nach dem Siegeszug der deutschen Fußnote eine solche Untersuchung nicht möglich ist ohne einen gelehrten Apparat an Fußnoten, die in der deutschen Ausgabe entsprechend plaziert und hervorgehoben worden sind.

Als Historiker ist Grafton selbst ein überzeugter Verteidiger der Fußnote, und so mag ihn die gelegentlich geäußerte Vermutung, es handele sich bei der Fußnote um den Gipfel akademischer Dummheit, um eine spontane Produktion von wissenschaftlichem Abfall, ebensowenig zu beeindrucken wie Hegels Verdikt gegen die von Kant mit philosophischer Meisterschaft gehandhabte Fußnote, da diese dem Ideal einer dialektischen Entwicklung des Gedankens nicht genüge, insofern sie für den Widerspruch eine da rstellungstechnisch eigene, dem Hauptargument gegenüber aparte Ebene reserviere. Fußnoten, so Grafton, haben zwei Funktionen: Sie geben die hauptsächlichen Quellen an, die tatsächlich benutzt worden sind (was freilich nicht immer zutrifft, aber gleichwohl zutreffen sollte!), und sie überzeugen den Leser, daß der Autor eines Buches hinreichend Material bearbeitet hat, um innerhalb der Toleranzgrenzen seines Arbeitsgebietes zu bleiben.

Aber warum sind die Ursprünge der deutschen Fußnote tragisch?

Weil Leopold von Ranke, den Grafton als den Begründer der modernen wissenschaftlichen Fußnote ausmacht, zunächst einem ganz anderen Stilideal verpflichtet war und, nur weil er meinte, daß er als junger Autor sonst nicht ernst genommen werde, sich zu Fußnoten genötigt sah. So hat er sich in einem Brief an seinen Verleger auch für die Fußnoten entschuldigt, mit denen er sein Werk versehen hatte. Später hat er selbst jedoch den Anspruch erhoben, mit der Fußnote etwas grundsätzlich Neues in der Form wissenschaftlicher Darstellung geschaffen zu haben.

Aber ist das, was Ranke als Fußnote für wissenschaftliche Texte verbindlich machte, wirklich neu gewesen? Grafton verweist auf die Fülle der Fußnoten, die seit dem Humanismus als gelehrte Beigaben die Edition von Texten begleitete, und er beschreibt ausführlich die Fußnoten, wie sie von Gibbon als Instrument sarkastisch-ironischer Distanzierung gegenüber den von ihm referierten Autoren und ihren Positionen genutzt worden sind. Was Ranke von seinen Vorläufern beim Schreiben von Fußnoten unterscheidet, ist seine Vorstellung von der "richtigen Fußnote". Für ihn ist die Fußnote nämlich nicht länger das Medium, in dem ein Autor seine Belegstellen angibt oder die er nutzt, um süffisante Bemerkungen anzubringen, sondern sie ist der eigentliche Ort der Quellenkritik, der Platz, an dem sich die Historiographie als Wissenschaft bewährt und beweist.