Eine ungewöhnliche Grabstätte soll am Grund der Ostsee südlich der finnischen Insel Utö entstehen. Dort sank im September 1994 die estnische Fähre Estonia und riß 852 Menschen mit in die Tiefe.

Die schwedische Regierung vergab nun kürzlich an ein internationales Konsortium den Auftrag, das Wrack mitsamt den Opfern unter Sand, Steinen und Beton zu begraben. Anfang kommenden Monats sollen die Arbeiten beginnen, im Oktober abgeschlossen sein.

Bereits im Dezember 1994 entschied die Regierung in Stockholm, die Estonia nicht heben zu lassen, wie es einige Hinterbliebene der Opfer forderten. Sie folgte damit der Empfehlung einer eigens eingesetzten Ethikkommission - und dem Wunsch einer anderen Fraktion der Angehörigen. Da etliche Passagiere und Besatzungsmitglieder bei der Katastrophe über Bord gingen, hätten selbst bei einer Bergung des Schiffes nicht alle Toten an Land gebracht werden können, lautete die Begründung. Zudem würden die Leichen, sobald sie an die Wasseroberfläche kommen, schnell verwesen, und diesen Anblick wolle man den Angehörigen nicht zumuten. Schließlich sei es alte Seemannstradition, daß, wer auf hoher See umkommt, seine letzte Ruhe auf dem Meeresgrund findet.

Um die Estonia in achtzig Meter Wassertiefe vor Grabräubern und Voyeuren zu schützen, beschloß Stockholm, einen "würdigen Grabhügel" errichten zu lassen. Seit Mitte vergangenen Jahres bereits gilt der Ort des Unglücks als Seefriedhof. Für schwedische Bürger hat ihn die Regierung per Gesetz gesperrt. Die Regierungen in Finnland und Estland schlossen sich an. Seither kreuzen Schiffe über der Estonia, um sie zu bewachen.

Sollen hier aber auch alle Fragen begraben werden? Das fürchten manche Angehörige der Opfer. Die internationale Havariekommission hat den Abschlußbericht über die Unfallursachen bis heute nicht vorgelegt. Der Grabhügel würde eine erneute Spurensuche am Wrack unmöglich machen. Johann Franson vom schwedischen Schiffahrtsamt in Norrköping beteuert hingegen, man habe die Kommission gefragt und grünes Licht für den Bau des Monuments bekommen.

Der 65 Millionen Mark teure Grabhügel soll aus vier Schichten bestehen: Als erstes wird ein Tuch um das Schiff herum ausgelegt.

Darauf wollen die vier Firmen des Konsortiums 300 000 Kubikmeter Sand schütten; damit ließe sich eine Pyramide von der Grundfläche eines Fußballfeldes und der Höhe der Cheopspyramide füllen. Der Sand soll verhindern, daß das Wrack verrutscht. Denn der Meeresgrund ist am Unglücksort äußerst schütter.