Es gibt in Frankreich eine Tageszeitung, die jedermann liest, wenn auch nicht jede Frau. Beim Busfahrer liegt sie in der Regel gleich neben dem Lenkrad, beim Bankfilialleiter lugt sie zwischen Dossiers hervor, und der Arbeiter bei Citroën schlägt sie auf, wenn er sein Pausenbrot verzehrt.

Die Rede ist nicht von Le Monde, Figaro oder Libération. Die Rede ist von L'Equipe, Frankreichs renommierter Sportzeitung, einer nationalen Institution und, nach eigener Einschätzung, "ausgesprochen rüstigen alten Dame". Dieser Tage feiert sie ihren fünfzigsten Geburtstag.

Vom ehemaligen EU-Kommissionspräsidenten Jacques Delors gibt es ein Photo, das typisch ist für die Leser dieser Zeitung: Sauber gefaltet - sprich: noch ungelesen -, stapeln sich auf Delors' Schreibtisch Financial Times, Herald Tribune, Frankfurter Allgemeine - derweil schmökert der Kommissionspräsident vergnügt in L'Equipe.

Politische Analysen und Börsenberichte müssen warten.

Frankreichs Elite hat sich längst auf breiter Front als L'Equipe-Leser bekannt; das politische Leserspektrum des Blattes reicht vom rechten Parlamentspräsidenten und Fußballfan Philippe Séguin bis zum sozialistischen Parteichef und ehemaligen Basketballspieler Lionel Jospin. Auch François Mitterrand hat bis zuletzt gerne in der Sportgazette geblättert; die Le Monde-Abonnements des Elysée-Palastes hatte er hingegen kündigen lassen, schmollend wegen der Unbotmäßigkeit der Redaktion.

Früher haben die Snobs im Lande L'Equipe als "Proletenblatt" verspottet.

Heute ist es ihre tägliche Lektüre. Immerhin kommen darin sogar Literaten zu Wort. Der vor kurzem verstorbene französische Poet Antoine Blondin schrieb hier regelmäßig über Radsport. "Sport hat Poesie" - in dem gesichtslosen Gewerbeviertel etwas außerhalb von Paris, wo das Herz der Dame L'Equipe schlägt, ist das ganz selbstverständlich. Und wen immer man anspricht unter den 183 Journalisten der Redaktion - fast jeder legt Wert darauf, zu betonen, daß der Name Programm sei: Hier herrsche ein Gruppenklima wie sonst nirgends in französischen Redaktionsstuben.