Über der Ilmenauer Breitengasse zwischen Stadtapotheke und Sparkasse spannt sich ein Transparent: "Studium nur noch für Reiche? - Nein, Herr Rüttgers!" In der Fußgängerzone dieser Kleinstadt im Thüringer Wald ist solch zaghafter studentischer Protest der einzige Hinweis darauf, daß Ilmenau eine Universität hat. Der Campus liegt am Rande der Stadt, eine etwas willkürliche Ansammlung fünfgeschossiger Gebäude, Werkstätten, Labors, eine Mensa. Wohnheime und Institute liegen hier Tür an Tür, dahinter beginnt der Wald. Die Akademiker bleiben unter sich. Zwischen die Studenten und die Ilmenauer schiebt sich der Bahnhof. Die Schranke ist meistens geschlossen.

"Das ist das große Problem hier", erklärt Dagmar Schipanski. Die 52jährige Ingenieurwissenschaftlerin weiß genau, wie wichtig das Umfeld für jede Universität ist, weiß, daß auch der erste Platz unter den ostdeutschen Hochschulen im Spiegel-Ranking von 1993 nicht ausreicht, um mehr Studenten nach Ilmenau zu ziehen. Genau das ist ihr Ziel. Im vergangenen Jahr wurde sie zur ersten Rektorin einer technischen Universität gewählt. Schon 1991 war sie als einzige Frau unter sieben ostdeutschen Forschern in den Wissenschaftsrat berufen worden. Helmut Kohl holte sie im Frühjahr 1995 in den kleinen Kreis des Rates für Forschung, Technologie und Innovation.

Wieder war sie zunächst allein unter Männern. Jetzt wurde sie zur Vorsitzenden des Wissenschaftsrates gewählt, "überraschend", wie sie sagt.

"Das ging mir ehrlich gesagt zu schnell." Den Grund für ihren raschen Aufstieg sieht die Expertin für Mikroelektronik vor allem darin, daß nach der Wende die alten Strukturen im Osten überwunden werden mußten. "Man wollte neue Gesichter. Ich war so ein neues Gesicht. In der eingefahrenen westlichen Männergesellschaft hätte ich wahrscheinlich nicht so eine abrupte Karriere gemacht." Sie wird ihr neues Amt "mit einem lachenden und einem weinenden Auge" antreten. In Ilmenau gelte es noch soviel zu bewegen.

In Ilmenau mit seinen 30 000 Einwohnern - ein Schwimmbad, ein Kino, ein kleines Goethemuseum - ist Dagmar Schipanski aufgewachsen.

Hier wurde sie nach dem Studium in Magdeburg promoviert, hier hat sie um ihren Professorentitel gekämpft. Erst nach der Wende erreichte sie ihr Ziel. Eben das ließ sie unverdächtig erscheinen.

Nun ist sie die Herrin über etwa 900 Beschäftigte und 3000 Studenten.