Am Donnerstag, den 18. Januar um 3.41 Uhr früh beginnt für Lübecks Katastrophenhelfer ein zermürbender Zweifrontenkrieg. Es gilt, Feuer und Fernsehkameras unter Kontrolle zu bringen. Löschfahrzeuge und medialer Notdienst treffen kurz nacheinander vor dem brennenden Asylbewerberheim in der Hafenstraße ein.

Während Sanitäter um das Leben der Brandopfer ringen, kämpfen Kameraleute um die besten Shots. Schmerzverzerrte Gesichter aus dreißig Zentimetern. Profis beider Berufsstände wollen ran an die Opfer. Wo immer ein Sanitäter zu helfen versucht - tragbare Kameras und Mikrophone samt Bedienpersonal sind dabei, hautnah.

Es ist die Zeit der Ellenbogen-Checks zwischen den Vertretern der konkurrierenden Gewerbe. Jeder, so lautet das Standard-Sprüchlein der Medienschaffenden, mache halt seinen Job.

Besonders gut haben wir Medienleute unseren Job 1988 beim Geiseldrama von Gladbeck zu machen versucht. Damals mußten Polizisten eifrige Reporter mit vorgehaltener Pistole daran hindern, die Verfolgung der Gangster aufzunehmen. Erschrocken vom eigenen Jagdinstinkt, gelobten die Medien Zurückhaltung. Aber wenn wieder ein Verbrechen in seiner ganzen blutigen Herrlichkeit lockt, funktioniert offenbar nur der Berufsreflex. Weshalb Kripo-Chef Winfried Tabarelli in Lübeck fragt: "Helfen gegen Journalisten eigentlich bloß Strafanzeigen?"

Während das Haus noch brennt, rüsten die Medien gewaltig auf.

Bald kommt auf jeden Katastrophenhelfer mindestens ein Journalist.

Bild entsendet zwölf Reporter, die ZEIT sechs (immerhin drei mehr als beim Fall der Mauer). Es ist ja nicht nur die Grundversorgung der Bevölkerung mit Katastrophen sicherzustellen, es riecht nach einem politischen Verbrechen.