Wildbad Kreuth/Bonn Manchmal geht es schon ungerecht zu in der Politik. Da hätte einer das Zeug zum Kanzler, vielleicht würde er sogar gern Regierungschef werden. Das aber muß er andauernd dementieren, aus Respekt vor dem Amtsinhaber und auch, um nicht immer wieder in Verdacht zu geraten. Obendrein soll er ständig die Fragen beantworten, die eigentlich dem Kanzler gelten. Nur dem stellt sie keiner. Schon gar nicht so harsch und unverblümt, wie es Wolfgang Schäuble kürzlich wieder bei einer Podiumsdiskussion auf der Schwäbischen Alb passiert ist.

Dort ist die Arbeitslosigkeit in den vergangenen Jahren von zwei auf zehn Prozent gestiegen. Der traditionell dominierende Mittelstand klagt über Lohnkosten und Steuerlast. Ist es nicht so, fragt der tapfere Moderator, Professor an der örtlichen Fachhochschule, daß die Bundesregierung selbst "eines der großen Standortprobleme" darstellt? Das meint offenbar auch das vorwiegend mittelständische Publikum, annähernd tausend Personen: spontaner Applaus. Dann kommt der "amtierende Bundeskanzler" zu Wort. Wolfgang Schäuble gefällt die Anrede nicht. Auch die Begrüßung hat ihn nicht fröhlich gestimmt. Er wirkt überrascht und ein wenig gereizt. Kein Heimspiel in Ebingen auf der Alb.

Das Heimspiel findet am nächsten Tag statt, noch weiter im Süden.

Der Kanzler selbst tritt an: Strategiegipfel der Union, Wildbad Kreuth, zwanzig Jahre nach dem Trennungsbeschluß der bayerischen Schwester. "Wir haben einen der bedeutendsten Staatsmänner der Welt zu Gast", verkündet ein CSU-Präsidiumsmitglied. Vor den vielen Kameras konkurrieren Theo Waigel und Edmund Stoiber darum, wer dem Kanzler das wunderschöne Panorama erläutern darf. Später dann, hinter verschlossenen Türen, geht es um Überlebenshilfe für den Koalitionspartner. Die Liberalen sollen ihren symbolischen Erfolg bekommen. "Wir sagen ja zu dieser Koalition", erklärt der Kanzler.

Was das heißt, erfährt die Öffentlichkeit erst ein paar Tage später in Bonn. Senkung des Solidarzuschlags um zwei Prozentpunkte von Mitte 1997 an, damit der FDP bei den Landtagswahlen im März der Sprung über die Fünfprozenthürde gelingt. Die Länder sollen zahlen.

Große Koalition? Neuwahlen? Das sind Spekulationen von gestern.

Zwei Möglichkeiten hat Helmut Kohl in Kreuth, seinen Triumph zu genießen. Er kann, am historischen Ort einer kläglich gescheiterten Sezession, dem Wunsch der gezähmten Schwesterpartei nachkommen und seine Kanzlerkandidatur 1998 proklamieren. Oder er läßt die bayerischen Bittsteller noch eine Weile im ungewissen. Zur ironischen Replik auf das Straußsche Urteil von damals, so einer könne "nie" Kanzler werden, taugt ohnehin beides. Kohl entscheidet sich für die zweite Variante. Vielleicht ist der Kanzler doch ein Feinschmecker.