Wenn alle Menschen statt der Augen grüne Gläser hätten", so das berühmte Gedankenexperiment Heinrich von Kleists, "so würden sie urteilen müssen, die Gegenstände, welche sie dadurch erblicken, sind grün - und nie würden sie entscheiden können, ob ihr Auge ihnen die Dinge zeigt, wie sie sind, oder ob es nicht etwas zu ihnen hinzutut, was nicht ihnen, sondern dem Auge gehört." Ja, kämen sie dann überhaupt auf die Frage? Aber offenbar sind ihnen gewisse Zweifel gekommen, da sie nun einmal von Natur aus Philosophen sind, die nichts Selbstverständliches kennen. Und eben deswegen gibt es dieses Gedankenexperiment.

Hans-Ludwig Freese, wohlerfahren mit den Fragen, die Kinder stellen, bevor ihnen als Erwachsenen die Welt so tödlich, so langweilig selbstverständlich wird, zitiert und diskutiert zahlreiche instruktive Gedankenexperimente, um mit ihrer Hilfe Grundfragen der Philosophie zu erhellen. Entstanden ist ein außerordentlich anregendes Buch, geeignet für alle Interessenten der Philosophie, um verkrustete Denkstrukturen in Bewegung zu bringen.

Die neuerdings so erfolgreiche Kinderphilosophie ist so etwas wie eine "erste" Philosophie, ihre derzeitige Hochkonjunktur ein bemerkenswertes Phänomen: Das philosophische Bedürfnis begnügt sich weniger denn je mit der akademischen Philosophie. Freese spricht von "Abenteuern im Kopf". Dazu gehört, daß die vermeintlichen Sicherheiten verlorengehen, eben die Kinderfragen - kinderleichte, kinderschwere Fragen - wieder gestellt werden, und der damit verbundene lustvolle thrill. Das fängt schon mit dem Begriff "Gedankenexperiment" an: Er unterstellt, daß das Experiment nur in Gedanken stattfindet, man aber zugleich weiß, wie es in der allerwirklichsten Wirklichkeit ist. Aber plötzlich ist man da nicht mehr so sicher. Und die Wesen, die Augen zu haben glauben, fragen sich, welche Arten von Gläsern das sind.

Hans-Ludwig Freese: Abenteuer im Kopf Philosophische Gedankenexperimente; Verlag Beltz Quadriga, Weinheim 1995; 316 S., 29,80 DM