Brüssel Manche Männer entblößen sich durch ihren Bart. Der von Javier Solana ist weder Camouflage noch Kompensation; er rahmt, graumeliert und struppig, das Gesicht ein, als sei er aus Studentenzeiten übriggeblieben. Solana, seit dem 20. Dezember Generalsekretär der Nato und vorher allseits geschätzter Außenminister Spaniens, ruht in sich. Er vergibt sich nichts und braucht sich nicht aufzupumpen.

Als sein Vorgänger, der Belgier Willy Claes, im vergangenen Herbst sein Amt wegen eines seither nicht erhärteten Bestechungsverdachts räumen mußte, hatte Solana noch ganz andere Zukunftsperspektiven: Er war als Madrids Außenminister sechs Monate lang ein respektierter Präsident des Europäischen Ministerrats und für seinen alten Weggenossen Felipe González unentbehrlich. Aber dann verhakelten die Mitgliedsregierungen der Nato, dank französischer Tolpatschigkeit und deutscher Achtlosigkeit, sich bei der Suche nach einem neuen Chef. Solana wurde der Kandidat, der aus der Verlegenheit kam.

Als wandelnder Vermittlungsausschuß, verbindlich, freundlich lächelnd - und in der Sache schwammig, so schätzten viele den 53jährigen Spanier damals ein.

Wenn Solana in dieser Woche seinen Antrittsbesuch in Bonn und Berlin macht und am Freitag auch die Internationale Wehrkundetagung in München besucht, werden ihn seine Gesprächspartner ganz anders erleben. Liebenswürdig kann er sein, gewiß; er hat eine gute, großbürgerliche Kinderstube genossen und sich jene einvernehmende Offenheit bewahrt, mit denen Studenten an südlichen Universitäten einander begegnen. Er weiß zudem, daß es in seinem neuen Amt erst recht darauf ankommt, Konsens zu suchen.

Der Mann an der Spitze der Nato ist eben ein Sekretär, kein General; wenn er mehr sein will als ein Befehlsempfänger der Regierungen, benötigt er dazu die Autorität des erfolgreichen Vermittlers, zumal seit das Bündnis mit dem einstigen Gegner auch die frühere Geschlossenheit eingebüßt hat. Willy Claes hatte einmal auf die Frage, was ihn zum Nato-Chef befähige, treffend geantwortet: "Daß ich langjährige Erfahrungen in belgischen Koalitionsregierungen mitbringe." Auch Solana wird vor allem daran gemessen werden, ob er immer wieder neue Koalitionen unter alten Verbündeten schmieden kann.

Aber ein bloßer Bahnwärter der Allianz will er nicht sein. Mit "Engagement und Enthusiasmus" übernehme er die neue Aufgabe, kündigte er bei Amtsantritt den verunsicherten Brüsseler Mitarbeitern an.

Beides hat ihn seither nicht verlassen. "Die nächsten vier Jahre entscheiden darüber, welche Zukunft die Nato im 21. Jahrhundert haben wird", sagt er voller Tatendrang. Das sind genau die vier Jahre, für die Javier Solana gewählt worden ist. Und so stopft er seinen Terminkalender zum Bersten voll. In den nächsten Wochen will er die Antrittsbesuche bei allen sechzehn Nato-Regierungen absolvieren, dann sämtliche Teilnehmerstaaten des Nato-Programms Partnerschaft für den Frieden in Ost- und Mitteleuropa aufsuchen, Ende März schließlich in Moskau erste Gespräche führen. Er wird alles aufsaugen, nach allen Himmelsrichtungen konsultieren - schon heute hängt er unermüdlich am Telephon -, dann sich das Urteil bilden, das er den Nato-Außenministern auf ihrer Tagung in Berlin Anfang Juni vortragen wird. Eingearbeitet hat er sich, jetzt geht es richtig los. "Nein, keine Hektik", winkt er ab. Aber man spürt die Konzentration des Rennpferdes vor dem Startschuß.