Der deutsche Rentenmarkt zeigt sich zum Jahresbeginn in bestmöglicher Verfassung. Die Kurse zogen kräftig an, und die Renditen sanken auf Rekordniveau. So niedrige Zinsen wie gegenwärtig wurden am deutschen Kapitalmarkt während der vergangenen dreißig Jahre nicht gezahlt. Die durchschnittliche Umlaufrendite öffentlicher Anleihen belief sich zuletzt nur noch auf 5,40 Prozent. Die jüngste zehnjährige Bundesanleihe (Zinssatz 6,0 Prozent) rentiert gerade noch zu 5,90 Prozent. Und manche Experten, beispielsweise des Bundesverbands der Volksbanken und Raiffeisenbanken, können sich noch weitere Zinssenkungen vorstellen.

Geldanleger, die auf die Zinseinnahmen aus ihrem Vermögen rechnen, haben damit ihre liebe Not. Nach einer jahrelangen Hochzinsphase, in deren letzter Hälfte überdies noch kräftige Kursgewinne vereinnahmt werden konnten, drohen nun etliche magere Jahre. Nicht nur die Zinszahlungen selbst fallen bei Neuanlagen dürftig aus. Bei einem Wiederanstieg der Renditen drohen auch noch herbe Kursverluste.

Und weit und breit ist kaum eine verlockende Alternative in Sicht.

Die Renditen amerikanischer Staatsanleihen nähern sich ihrem Tiefpunkt von 1993, als zehnjährige Treasury-Bonds kurzfristig unter 5,5 Prozent lagen. In Japan, dessen Wirtschaft von Krisen und Deflation gebeutelt wird, sind gerade noch drei Prozent zu erzielen. In Frankreich liegen die Renditen zwar leicht über den Sätzen für D-Mark-Anleihen; dort wird aber für 1996 mit einer leicht steigenden Inflationsrate gerechnet.

Am meisten versprechen auf kurze Sicht derzeit langlaufende Staatspapiere in Großbritannien. Dort zog die Notenbank im vergangenen Jahr die Zinszügel an, um eine drohende Beschleunigung des Preisanstiegs auszubremsen. Da jetzt die Konjunktur ins Stocken geraten ist, scheint die Inflationsgefahr gebannt. Die Realrendite (Kapitalmarktrendite abzüglich der erwarteten Inflationsrate für 1996) liegt in Großbritannien mit gut fünf Prozent jedenfalls deutlich über derjenigen vergleichbarer anderer Länder.

Bei allen längerfristigen Anlageüberlegungen muß derzeit die bevorstehende Europäische Währungsunion ins Kalkül gezogen werden. Ganz gleich, ob der Startschuß für den Euro tatsächlich am 1. Januar 1999 - wie geplant - fällt oder erst später: Die Regierungen der EU-Länder werden in den kommenden Jahren alles daransetzen, die öffentlichen Haushalte zu sanieren. Der erhoffte Erfolg, nämlich Rückgang der Staatsquote und steigende Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft, wird nicht sofort spürbar werden. Die Sparmaßnahmen werden aber unmittelbar die volkswirtschaftliche Nachfrage und damit den Preisauftrieb dämpfen.

Bei so günstigen Inflationsaussichten hält sich auch die Gefahr eines Zinsanstiegs am Kapitalmarkt in Grenzen. Renditen von neun oder gar elf Prozent wie Anfang der neunziger und zu Beginn der achtziger Jahre sind damit vorerst nicht wieder in Sicht.