Man könnte glauben, Polen liege am Mittelmeer. Sieben Regierungen in sechs Jahren, das sind schon italienische Zustände oder französische wie in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg; erst General de Gaulle schnürte der Republik ein festeres Korsett.

Aus der Entfernung könnte man deshalb auch die gegenwärtigen Turbulenzen in Polen gelassen beobachten und sagen: Eine junge Demokratie kann an Krisen reifen, zumal sie begrenzt sind und - wie es scheint - weder den wirtschaftlichen Aufschwung schwächen noch die polnische Gesellschaft besonders tief aufwühlen. Doch aus der Nähe betrachtet, ist das Bild der "polnischen Zustände" wenig erheiternd.

Zwei Monate nach den Präsidentschaftswahlen, bei denen ein wendiger, smarter Postkommunist in einem dramatischen zweiten Wahlgang den sprunghaften und grantig-ruppigen Lech Walçsa, die einstige Galionsfigur der Solidarnosc, entthronte, kommt die politische Klasse nicht zur Ruhe. Die Bombe, die Walçsa nach seiner Niederlage platzen ließ, wirkte verheerend. Die Anschuldigung, der amtierende Regierungschef sei ein Zuträger des KGB, brachte nicht nur den recht effizienten Ministerpräsidenten Józef Oleksy zu Fall, sondern erschütterte auch die postkommunistische Koalition der Demokratischen Linksallianz (SLD) mit der Bauernpartei (PSL) und brachte schließlich das ganze Staatsgefüge ins Wanken.

Bei seinem Abgang handelte Walçsa noch einmal als geschickter Destabilisator.

Er gab zu, daß die Beweise gegen Oleksy noch nicht ganz hieb- und stichfest seien und daß die Bombe eigentlich später hätte gezündet werden sollen, wohl vor den turnusgemäß 1997 anstehenden Parlamentswahlen (um die regierenden Postkommunisten zu diskreditieren).

Doch die verlorene Präsidentschaft zwang ihn zum raschen Handeln, damit die Wahlsieger keine Chance erhalten, den Fall zu verschleiern.

So leitete er gewissermaßen einen "dritten Wahlgang" ein, also womöglich vorgezogene Parlamentswahlen. Die SLD warf dem Altpräsidenten sofort vor, er sei ein schlechter Verlierer. Walçsa könne sich mit seiner Niederlage nicht abfinden und nütze für sein Machtspiel zweifelhafte Indizien "umgedrehter" alter Geheimdienstler, die dank Beförderung zu seinen Gehilfen wurden.