Nüchtern das Büro, aufgeräumt der Schreibtisch, klar die Worte: Jacques Delors wirkt unverändert, seit er vor einem Jahr die Präsidentschaft der EU-Kommission abgegeben hat. Nun ist er Privatier, ein "Einmannbetrieb", wie er selber feststellt. Nur noch bis zum Frühjahr stehen ihm ein Büro und eine Sekretärin zu im obersten Stock des Unesco-Gebäudes in Paris. Für die Weltorganisation sitzt er einer Kommission vor, die sich über "Bildung im 21. Jahrhundert" Gedanken macht.

Davon abgesehen, hält sich der agil wie eh und je wirkende Delors von Apparaten fern. In seiner Partei, bei den Sozialisten, wird er zwar gerne als graue Eminenz genannt, doch wirklich eintauchen in den Polit-Hickhack mag er nicht. Daß er sich eher im Hintergrund hält, dürfte ganz im Sinne der Parteigranden sein: Zu sehr würde er ihnen im Licht stehen.

Nach wie vor führt Jacques Delors in Frankreich sämtliche Politikerhitparaden mit deutlichem Vorsprung an. Bedauern die Franzosen, daß er nicht ihr Präsident werden wollte? Er selber steht zu seiner Absage.

Darauf angesprochen, antwortet er mit einem Gedicht von Jacques Prévert: "Die toten Blätter werden mit der Schaufel zusammengekehrt; die toten Blätter und die Reue auch." Nein, sich damit aufhalten, Bedauern wegzukehren, mag er nicht. "Vielleicht werde ich es zehn Minuten vor dem Tod wahnsinnig bedauern. Jetzt nicht. Lieber versuche ich, mich noch ein bißchen nützlich zu machen für Europa."

Wenn er den heutigen Herrn im Elysée gelegentlich kritisiert, dann nüchtern und sachlich. Er glaubt sogar, daß Jacques Chirac langsam zum überzeugten Pro-Europäer wird: "Er bewegt sich in der richtigen Richtung. Helmut Kohl findet nun einen Partner vor, der - gewiß anders im Ton und im Vorgehen als sein Vorgänger Mitterrand - seine Ambitionen für Europa teilt."

Auch ohne Amt und Würden behält Delors' Stimme in Frankreich Gewicht.

Anfragen für Vorträge, Interviews und Post häufen sich. Und er schreibt regelmäßige Kolumnen im Wochenblatt Le Nouvel Observateur.