Merkwürdige Gesellschaft: Da redet andauernd nur einer, und alle müssen ihm zuhören, da denkt jeder nur für sich und wohl auch an sich. Alle paar Minuten wird der Arbeitsgegenstand jäh gewechselt, gleich, ob die Fragen schon beantwortet, die Gedanken schon zu Ende gedacht sind. Dazwischen Atem- und Bewegungspausen, zu kurz, um Beine oder Verstand zu lockern, doch lang genug für ein bißchen Lärm.

Als Schulstunde ist diese Szene allen geläufig. Kaum ein Pädagoge, der nicht schon auf den Unsinn des Unterrichts im 45-Minuten-Takt hinwies; kaum ein Psycho- oder Physiologe, der sich nicht entsetzte über die Unbeweglichkeit, zu der ein solcher Stundenplan den Schüler von der Großhirnrinde bis zum großen Zeh vergattert. Die Eltern klagen, die Lehrer stöhnen, die Schüler schimpfen - und in den Ministerien und Behörden zucken sie nur noch die Schultern. Ach, ein Bildungsreformer täte uns not . . .

Vielleicht ist er endlich gefunden. Wenn dem klugen Wort die entschlossene Tat folgt, dann wird Hessens Kultusminister Hartmut Holzapfel von der SPD nach seinem bemerkenswerten Spiegel-Gespräch zur Lichtgestalt im düsteren Bildungssystem. Ein Scherz, ein Satz voller Ironie?

Ein bißchen vielleicht, weil der Glaube an Rettung aus dieser Schulmisere schon so oft enttäuscht wurde. Aber tiefere Bedeutung wächst dem Wort von der Lichtgestalt durchaus zu, wenn ausgerechnet ein Sozialdemokrat ausgerechnet im lange ideologiesüchtigen Hessen plötzlich unaufgeregt fordert und verspricht, was alle wissen und bislang keiner zu unternehmen wagte.

Hartmut Holzapfel wünscht sich zum Beispiel den Lehrer als feste Bezugsperson, den die fatalen Reformen auch seiner Parteigenossen eher geringschätzten. Er wünscht das "Jahrgangsteam", das den Lehrer aus seinem Einzelkämpferdasein befreien soll, in das ihn konservative Politiker mit dem Ruf nach mehr Autorität immer tiefer hineintrieben. Der Lehrer soll mit seinen Schülern ins Gespräch kommen, über Fachfragen und Kindersorgen; daß die Schüler das von ihm erwarten und ersehnen, bestätigt jetzt eine Schülerumfrage von Dortmunder Schulentwicklungsforschern.

Die älteren Schüler sollen den jüngeren etwas erklären und beibringen, die Unterrichtszeiten endlich den Stoffen und Köpfen angepaßt werden. Schluß mit dem einschnürenden Dreiviertelstundentakt, fordert der hessische Kultusminister: Die Schulen brauchen einen neuen Zeitrhythmus mit Fachunterricht, eigenständigem Arbeiten, Entspannung und gemeinsamem Mittagessen, von morgens um neun, da ist der Mensch wirklich wach, bis nachmittags um halb vier, damit der Tag nicht nur der Schule gehört. Was in vielen Nachbarländern längst Tradition hat, hier klingt es nach Revolution. Der neue Schulalltag soll den "Fluchtreflex der Lehrer" besiegen, die im Klassenzimmer oft Angst leiden und sich erst am häuslichen Schreibtisch sicher fühlen. Gefordert wird nicht der Wissensvermittler, der, auch weil die staatliche Lehrerausbildung viel verbummelt hat, lieber ein Fach als Kinder unterrichtet, gefordert ist hier endlich der Pädagoge im besten Sinn.

Mut zur Erziehung, lange als reaktionäres Schlagwort verpönt, Tugend als tägliche Erfahrung empfiehlt dieser Sozialdemokrat sich und seinen Lehrern. Bravo. Auf die übliche Widerrede der Bedenkenträger wird man nicht lange warten müssen, ob sie nun in den Behörden sitzen (schon klingt es im Ohr: Wer soll das alles bloß kontrollieren . . .), den Standesvertretungen (mehr Lehrer, weniger Stunden) oder im Oppositionslager (als Ergebnis einer verfehlten Politik jetzt also das). Nur Mut, Herr Minister: Sie haben nicht nur die besseren Argumente, sondern auch die erbärmliche Wirklichkeit arbeitet Ihnen zu. Diese Schule braucht bitter die Einsicht in längst erkannte Notwendigkeiten.