Wenn DJ Krush nachts in einem Club Platten auflegt, blickt er nur selten ins Publikum. Das ist ungewöhnlich, denn ein Discjockey muß immer im Auge haben, ob seine Musikauswahl auch in die Beine geht. Krush darf sich jedoch seine Baseballkappe tief ins Gesicht ziehen, denn zu seiner Musik tanzt ohnehin niemand: Er spielt schwerfälligen TripHop. Im Zentrum dieser neuen Moderichtung steht ein karger, träger, dem HipHop entliehener Rhythmus. Je nach Geschmack wird er mit Klangschnipseln aus dem Jazz-, Soul-, Reggae-, Ethno- oder Ambient-Fundus garniert. Alles ist möglich.

Das britische Duo Portishead machte mit seinem im Herbst 1994 erschienenen Debütalbum das südenglische Bristol schlagartig zur Hauptstadt des TripHop. Das Bristoler Trio Massive Attack hatte bereits 1991 auf "Blue Lines" mit einer entspannten Mischung aus Reggae, Soul und HipHop gegen das Tanzdiktat rebelliert.

Portishead gehen mit ihren zartbitteren Hausfrauenballaden noch einen Schritt weiter: Sie verbinden schwarze Rhythmen mit britischen Popmelodien und finden noch Zeit, sich vor Ennio Morricone zu verbeugen. Dieses Stilkonglomerat erfreut nicht nur Clubgänger, sondern auch Popfans. DJ Krush hingegen hat die Verbindung zur Popwelt längst abgebrochen. Mitte der achtziger Jahre interessierte sich der Japaner zunächst für HipHop. Amerikanischen Vorbildern nachzueifern wurde ihm bald zu langweilig: "Ich wollte etwas Eigenes schaffen", sagt der 37jährige. "Es gibt eine alte japanische Kunstform, bei der nur mit schwarzer Tinte Bilder voller Tiefe gemalt werden.

Das gleiche will ich mit meiner Musik erreichen. Ich will herausfinden, wie weit ich gehen kann mit immer weniger Sounds."

Auf seinem jüngsten Album "Meiso" gibt es neben konventionellen Jazz-Rap-Songs auch ausladende Klangtüfteleien. Das achtminütige "Duality" zum Beispiel. Eine dumpfe Baßlinie und ein schwerer Rhythmus schleppen sich monoton dahin, immer wieder überlagert oder abgebrochen von piependen Elektroniktönen, Windrauschen und Möwengeschrei.

Krush, der weder Noten schreiben noch lesen kann, benutzt seine Plattenspieler und sein Mischpult wie Musikinstrumente. Er verändert das Tempo der Schallplatten, hält sie abrupt an oder verfremdet den Klang mit Sampel- und Hall-Effekten. "Vor kurzem wollte ich Trompete spielen lernen. Ich habe es aber wieder sein lassen, denn ich bekam Angst, daß ich dann das Interesse an meinen Plattenspielern verliere. Wenn ich Live-Musik möchte, hole ich mir lieber einige Profis ins Studio."

DJ Krush veröffentlicht seine Werke bei der Londoner Plattenfirma Mo'Wax. Das Label genießt in der Szene einen guten Ruf; schon wegen der Platten- und CD-Hüllengestaltung. Der Brite Ian Swifty, "Designer of the Year 1995", und der New Yorker Graffitikünstler Futura 2000 entwerfen die Mo'Wax-Hüllen. Die Song-Titel sind oft kaum zu lesen, die hingeklecksten abstrakten Motive spiegeln den Charakter der Musik.