So hatte sich Erhard Kantzenbach seinen Geburtstag sicher nicht vorgestellt. Zwar klingelte das Telephon in seinem Büro hoch über der Hamburger Binnenalster in den vergangenen Tagen häufig.

Doch es waren nicht nur Glückwünsche zum 65sten, die der Professor zu hören bekam. Statt über die guten alten Zeiten plaudern zu dürfen, muß der Chef des Hamburger Weltwirtschaftsarchivs (HWWA) plötzlich massive Kritik an der Arbeit seines Institutes kommentieren.

Mit einem vernichtenden Gutachten bescheinigt der Wissenschaftsrat, ein Beratungsgremium von Bund und Ländern, dem Hamburger Institut schlechte Arbeit. Auf 57 Seiten listen die Prüfer reihenweise Mängel auf: wenig Flexibilität, überaltertes Personal, zuwenig Zusammenarbeit mit den Universitäten oder mangelnde Leistungen in der Forschung. Und die Prüfer legen auch gleich drastische Konsequenzen nahe: Die Weiterförderung der meisten Forschungsbereiche wird "nicht empfohlen". Harsche Worte mit wahrscheinlich heftigen Folgen: Das älteste Wirtschaftsforschungsinstitut der Republik muß nicht nur um sein Renommee, sondern auch um seine Zukunft bangen. Auf die 200 Mitarbeiter werden wohl Stellenabbau und kräftige Reformen zukommen.

Jahrzehntelang konnten die Wissenschaftler des HWWA unbekümmert vor sich hin forschen. Als eine der sechs großen wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsstätten wurde das Institut von Bund und vom Land finanziert - zuletzt mit mehr als achtzehn Millionen Mark jährlich. Als Gegenleistung sammelte das Institut Daten, begutachtete und prognostizierte seit den fünfziger Jahren gemeinsam mit den anderen Instituten regelmäßig die Wirtschaftsentwicklung. Erst die Wiedervereinigung störte das traute Forschungsidyll.

Nach dem Zusammenbruch der DDR wurde nämlich die ostdeutsche Wissenschaftslandschaft streng unter die Lupe genommen. Im Auftrag von Bund und Ländern schickte der Wissenschaftsrat kleine Teams zur Recherche in den Osten. Viele Institute überlebten diese Tests nicht. Sie wurden verkleinert, umgebaut oder aufgelöst. Nun kommen auch die Pendants im Westen dran. Die sechs Wirtschaftsforschungsinstitute, die eine Bund-Länder-Förderung genießen, werden auf ihre Wirtschaftlichkeit hin überprüft. Das HWWA traf es als erstes.

"Am 4. und 5. Oktober waren sie da", erinnert sich Personalratsmitglied Irene Wilson sofort, sie wird die beiden Tage nicht so bald vergessen.

"Begehungskommission Raum 119" stand damals auf einem Schild an der Pforte des Institutes, und so suchten sich die Prüfer - mehrheitlich renommierte Professoren deutscher Universitäten - ihren Weg in den fünften Stock, schlossen die Tür und tagten. Was sie da so alles lasen und was sie später in den Büros der Abteilungsleiter recherchierten, kommentiert Manfred Neumann, Professor der Bonner Universität, mit: "Beamtenmentalität". Höhepunkt der desaströsen Begegnung war die gegen sechs Uhr anberaumte Mitarbeiterversammlung: "Wir saßen da und warteten, und keiner kam. Es war ja auch schon nach Feierabend", erinnert sich Neumann. Erbost verließen die Professoren das Haus.