Eine Wohnhausanlage am südlichen Ende von Wien. Gleichförmige Häuserblocks, errichtet in den sechziger Jahren, gelegen in trister Umgebung. Aber welch ein Leben hält sich da versteckt, welche Gefahren des Denkens, welche Schätze der Einbildung.

In einem der Blocks wohnt zum Beispiel der Stimmenforscher Willi Holzhuber, der angeblich aus Tonbändern Stimmen aus dem Jenseits herausfiltern kann. In einem anderen, Stiege 18, Tür 9, Professor h. c. Josef Pointner, 75 Jahre alt, Sachbuchautor.

Der Herr Professor, ein schmächtiger, galanter Mann, Krawatte, frisch gebügeltes weißes Hemd, bittet in sein Arbeitszimmer. Ein Schreibtisch füllt den Raum beinahe aus, an den niedrigen Wänden stapeln sich Akten und Bücher. Und Sammlungen: die Diasammlung, die Schallplattensammlung, die Audiokassettensammlung, die Tonbandsammlung.

Alles ist in Notizbüchlein, Pointners sogenannten "Registraturen", systematisch erfaßt. Daß er kaum noch weiß, wohin mit alledem, bekümmert den literaturbegeisterten Wiener: "Heutzutage kauft das ja kein Mensch mehr."

Wenn Josef Pointner erzählt, fühlt man sich an die guten alten Tage der Sprechplatte erinnert, melodiös-getragen schließt er seine bedachten Sätze ab. Zur großen Überraschung des Besuchers legt er eine Kassette ein, um das Gespräch aufzuzeichnen - für den privaten Sammlerzweck natürlich.

Vor kurzem erst hat er sein gesamtes Material zu seinen Büchern "Unfallverhütung und Sicherheit" sowie "Gezähmte Gefahr - 100 Jahre Sicherheitstechnik" einfach ins Altpapier werfen müssen.

Es auszulagern hätte keinen Sinn gehabt, denn: "Wenn ich es nicht mehr in der Wohnung habe, dann habe ich es gar nicht mehr."

Seine beiden letzten Bücher brachten den ehemaligen Redakteur zweier Sicherheitszeitschriften auf eine Idee, die ihn sieben Jahre seines Lebens kosten sollte. Die Idee hört auf den Namen Katastrophe. "Bei den Recherchen zur Unfallverhütung", sagt Josef Pointner, "habe ich festgestellt, daß alles, was über den normalen Unfall hinausgeht, sehr schlecht dokumentiert ist. Für Katastrophen interessieren sich die Zeitungen, wenn sie passieren, aber nachher niemand mehr." Also machte sich Pointner, seit 1985 im Ruhestand, auf den Weg in die Universitäten und Bibliotheken und begann einen Briefwechsel mit der katastrophenkundigen Fachwelt. Für einen Vorschuß von umgerechnet 1500 Mark schrieb er das Buch "Im Schattenreich der Gefahren".

Damit die schier unlösbare Aufgabe gelingen konnte, sämtliche Katastrophen der Weltgeschichte zu dokumentieren, mußte sich Josef Pointner in seiner Katastrophendefinition zweifach bescheiden.

Zum einen hat er sich streng an die Definition der Versicherungswirtschaft gehalten: "Eine Katastrophe ist ein schädigendes Großereignis mit zwanzig oder mehr Toten." Zum anderen mußten Kriege, Schlachten oder Gefechte aus Gründen der Registrierbarkeit ausgenommen werden.

Pointner erfaßt sie unter dem Stichwort "Katastrophen der Unmenschlichkeit".

Das bringt ein bißchen Ordnung in die Höllen auf Erden und erleichtert die statistische Arbeit entscheidend.

Doch auch so sind es weltweit immer noch 6380 "gemeldete" Katastrophen, vom Untergang Pompejis bis zum Absturz der Lauda-air-Maschine "Mozart". In Katastrophenopfern gerechnet, hatte der Autor mit 12,5 Millionen Menschen zu tun. Den "Opfern der Naturgewalten, namenlos und vergessen, und jedem, den die Errungenschaften der modernen Zivilisation um sein Menschenleben gebracht haben", ist sein Buch gewidmet. Übrigens auch aus persönlichen Gründen.

Als junger Techniker war Josef Pointner in Hitlers "Altreich" gegangen und arbeitete in Kiel für die Rüstungsindustrie. Dort war er als "Ingenieur-Soldat" an der Konstruktion von Raketentorpedos beteiligt, die weiter noch als die V2 fliegen sollten, bis nach Rußland zum Beispiel. In Moskau aber landete Pointner nach Kriegsende selbst. Als Gefangener der Sowjets, die ihn und seine Verlobte, die in Kiel "Betriebshelferin" gewesen war, zusammen mit rund hundert weiteren deutschen Raketentechnikern verschleppten: "Die erste Garnitur mit Wernher von Braun kam in die USA, die zweite in die Sowjetunion."

Statt für Hitler arbeitete er nun für Stalin, und weder da noch dort, meint Pointner, habe er "ein Held" sein können: "Von einem Durchschnittsmenschen kann man nicht verlangen, daß er ein Held ist. Den einen, der ein Held war und sich geweigert hat, haben wir nicht wiedergesehen."

1953 nach Wien heimgekehrt, schlug man Josef Pointner im Innenministerium ein Tauschgeschäft vor: Für den Fall, daß er auspacke, könnte man ihm eine Wohnung verschaffen. Der berufsinvalide Ingenieur aber schwieg: "Ich mußte mich in Moskau verpflichten, keine Geheimnisse zu verraten, und in Wien war man vor dem sowjetischen Geheimdienst nicht sicher." Mit Frau und Kind zog er zu seinem Vater.

Als journalistischer Freelancer rappelte Pointner sich wieder hoch, seine erste Story für die sozialistische Arbeiterzeitung erschien nach einem Flugzeugabsturz unter dem Titel "Sind Flugzeuge gefährlich?" Familie Pointner erhielt eine Sozialwohnung mit Arbeitszimmer und Zentralheizung, eine Versicherungsgesellschaft - wer sonst - stellte ihn ein.

"Ich bin ein Mann der Sicherheit", sagt Josef Pointner über sich selbst. Seinem Katastrophenbuch liegt Resignation fern. Mit viel Liebe zum Detail und literarischen Querverweisen zeichnet Pointner die Ursachen der Katastrophen nach. Wobei er zu der beruhigenden Erkenntnis kommt, daß Katastrophen für die Erdpopulation keine entscheidende Rolle spielen: Von 50 Millionen Menschen, die jährlich sterben, kommen 80 000 durch Katastrophen um.

Mit seinem Werk "Im Schattenreich der Gefahren" bringt Pointner sozusagen System in die Katastrophe. In Diagrammen und Tabellen wird der Schrecken kategorisiert, rubriziert, aufgelistet. Dank dieser Berechnungen kann man die Häufigkeit bestimmter Natur- und Zivilisationskatastrophen vergleichen oder auch Trends ablesen.

Eine eigene Meßzahl hat er erfunden, den "Gefährdungs-Index" (GI), der die weltweiten Opfer pro Tag beziffert. Den höchsten GI haben Überschwemmungen (19,9) und Stürme (15,2), vergleichsweise niedrig liegt der GI bei Vulkanausbrüchen (0,5), im Schienenverkehr (0,4) oder bei Großbränden (0,06).

Kann Ordnung Katastrophenangst bannen? "Man kann die Katastrophe beschreiben und festhalten, aber die Angst geht nicht weg", resümiert Pointner. "Wenn man sieht, was durch Schlamperei alles passiert, kann man den Glauben an die Menschheit verlieren. Überall Schlampereien!"

Religiöser sei er durch die Recherchen nicht geworden: "Der liebe Gott wird in meinem Buch nicht behandelt und auch nicht verantwortlich gemacht, es kommen nur die schlampigen Menschen vor."

So unterscheidet Josef Pointner denn auch streng zwischen "unvermeidbaren" und "durch Menschen verursachten, potentiell von Menschen vermeidbaren" Katastrophen. Er gibt Ratschläge "wider den persönlichen Katastrophentod" und rät - was sonst - zu Versicherungen. Er selbst hat seine Konsequenzen längst gezogen. In einen Bus, dessen Fahrer eine Alkoholfahne hat, steigt er nicht ein, "auch wenn die anderen lachen". Bei Seefahrten mit einer Fähre vergewissert er sich, daß die Autos auch ordentlich festgezurrt sind. Bei Flugreisen bevorzugt er jene Linien, die in seiner Statistik gut abschneiden: United Airlines, SAS, Continental (0,11 Opfer pro Million Passagierkilometer).

Unterhalb von Staumauern würde er sich nie eine Wohnung nehmen, in Erdbebengebiete reist er ebensowenig wie er Vulkane besichtigt.

Schwer hat Josef Pointner mit der Materie gekämpft und sich oft geängstigt, er könnte es nicht schaffen. Jetzt, da das Buch fertig ist, erlebt er Gleichgültigkeit. Keine einzige Zeitung hat es besprochen, kein Buchhändler hat es geordert. "In Österreich werde ich ignoriert!" sagt der Professor. Nicht einmal die blutrote Farbe des Umschlags, auf die Pointner seine Verkaufshoffnungen gründete, hat genützt. "Ein Pilzbuch hätte ich schreiben müssen, das wollen die Leute!"

"Im Schattenreich der Gefahren", sagt Josef Pointner, wird sein letztes Buch gewesen sein. Er hat sich inzwischen auf einen ruhigen Lebensabend eingestellt. "Aus meiner Wohnung gehe ich nicht mehr raus. Hier habe ich meine Sammlungen, hier ist das Leben, hier möchte ich sterben."