Italiens Staatsoberhaupt, Oscar Luigi Scalfaro, mußte sich entscheiden: Vier Wochen nach dem Rücktritt der ein Jahr alten "Techniker"- Regierung Lamberto Dinis gab es nur noch die Alternative zwischen einer neuen (alten) Übergangslösung (wohin?) oder Neuwahlen schon im April. Wie nebelhaft in jedem Fall die Aussicht auf eine "neue Republik" bleiben würde, bekam Scalfaro zu spüren, als er in drei mühsamen Konsultationsrunden nach einem Ausweg suchte.

Mit 26 parlamentarischen Gruppierungen verhandelte der Präsident, der nicht sicher sein konnte, welche von ihnen sich noch (oder wieder) zur "rechten" oder zur "linken" Mitte zählt, den angeblichen Angelpunkten einer künftigen "bipolaren" Demokratie. Oder ging es allen doch nur darum, an die Machthebel und Pfründen der nächsten von 55 vorausgegangenen Regierungen Italiens zu gelangen?

In einem "ernsten pathologischen Zustand" befinde sich die italienische Demokratie, stellte Scalfaro schon nach den ersten Gesprächen fest. Er beklagte die "Pulverisierung der Politik" und belegte seine düstere Diagnose mit der persönlichen Erfahrung dieser Woche, ohne Namen zu nennen: "Es gibt Personen, die an einem Tag einen Standpunkt vertreten und am nächsten Tag einen anderen, der mit dem vorigen überhaupt nicht verwandt ist . . ."

Dabei könnte eben dies auch ein Zeichen neuer Einsicht sein - wenn man jedem Fernsehauftritt eines römischen Politikers trauen dürfte. Da drückten sich um Mitternacht vor fünf Millionen Zuschauern die beiden Hauptrivalen lächelnd die Hand und schienen sich anzunähern: Silvio Berlusconi und Massimo D'Alema, der rechte Expremier und der linke Postkommunistenchef. Hatte Berlusconi seit seinem Sturz nicht unentwegt nach Neuwahlen gerufen und jedem, der dagegen war, geradezu Putschabsichten unterstellt? Jetzt, seit er auf der Anklagebank Platz nehmen mußte, scheint Berlusconi es nicht mehr so eilig zu haben. Sogar bei der Frage einer Verfassungsreform, die ein Präsidialsystem hervorbringen soll, steckt Berlusconi zurück, während umgekehrt D'Alema einzulenken scheint: "Wir wollen Regeln für ein Spiel vereinbaren, bei dem wir in entgegengesetzten Mannschaften kämpfen."

So fair das klingt, die Störenfriede sind aktiv wie eh und je.

Berlusconis abtrünniger Verbündeter, der Lega-Chef Umberto Bossi, droht weiter mit norditalienischem Separatismus; fataler aber dürfte sich der Eigensinn Gian Franco Finis, des Postneofaschisten, auswirken.

Sein Beharren auf einem "starken" Präsidenten und Regierungschef weckt böse Erinnerungen. "Lieber fünfzig Regierungen in fünfzig Jahren als eine in zwanzig!" sagt der alte Politologe Noberto Bobbio. Vielleicht liegt hier Italiens Glück im Unglück.