Nichts ist so schlimm, als daß es nicht noch schlimmer kommen könnte. Das zeigt die Affäre um die gefälschten Filmberichte, die in mehreren Fernsehmagazinen ausgestrahlt wurden. Die Skala ist nach unten offen. Wer geglaubt hat, nach Gewaltexplosion, "Tutti Frutti", Lederhosen-Pornos, Anschrei-"Diskussionen", Talk-Show-Einerlei und niveaulosem Boulevardjournalismus sei ein Abstieg nicht mehr möglich, wird eines Schlechteren belehrt. Nun also die Fälschung: der Filmbericht über ein Ereignis, das gar nicht - oder so nicht - stattgefunden hat, flott erzählt, stark bebildert, teuer verkauft.

Quote, der Kampf geht weiter.

Bisher hieß das Zauberwort Infotainment. Es pries unterhaltsame Information an und hatte in Wahrheit keine andere Aufgabe, als nackten Niveauverlust zu bemänteln. Das neue Monster aus Schein und Sein könnte man infofiction nennen. Es markiert eine weitere Eskalationsstufe im schmutzigen Senderkrieg um Aufmerksamkeit und Einschaltzahlen.

Natürlich ist die Fälschung offiziell nicht gesellschaftsfähig.

Sie kommt aus der journalistischen Halbwelt, die jeder in der Branche zumindest vom Hörensagen kennt. Wie jene Abwege, auf denen schon mal Bares für eine Information, ein privates Photo oder ein bißchen schrille Action vor der Kamera rübergeschoben wird.

Natürlich will auch Günther Jauch, dessen "Stern TV" der beflissenste Abnehmer der Fälschungen des Reporters Michael Born war, mit diesem halbseidenen Milieu und dessen unorthodoxen Methoden nichts zu tun haben. Getäuscht sei er worden. Geschenkt! Die herzerweichende Selbstkritik soll in erster Linie vergessen machen, daß jener Boulevardstil, den Jauch für Journalismus hält, den Boden bereitet, auf dem Falsifikate gedeihen, wie sie in seinem Programm zu sehen waren: eine Melange aus Erfindungen, Halbwahrheiten, nachgestellten Szenen.

Das ist der bittere Kern dieser Affäre: Es braucht die Straftat des Betrügers, um den größeren, den straffreien Skandal in Erinnerung zu rufen, den leider niemand mehr als solchen empfindet, nämlich die mutwillige Zerstörung klassischer Standards des seriösen Fernsehjournalismus durch die Unterhaltungsindustrie des Kommerzfernsehens. Was die Kritiker des Privat-TV seinerzeit an Warnungen gegen dessen Zulassung vorgetragen haben, ist weitgehend eingetreten.