Eigentlich wollte Norbert Blüm nur die Gewerkschaften etwas unter Druck setzen. Doch der Schuß ging nach hinten los. Mit seiner Drohung, die Rentenbeiträge könnten wesentlich stärker steigen als erwartet, hat der Bundesarbeitsminister genau das getan, was er seinen Gegnern immer vorhält: Er hat Beitragszahler und Rentner verunsichert.

Da hilft es auch nichts, daß der Minister jetzt laufend beteuert, es gebe kein besseres System der Altersversorgung. Vielleicht hat er damit sogar recht. Aber auch im besten System können die Renten nicht sicherer sein, als die wirtschaftliche Lage es erlaubt.

Gerade die jetzt bekanntgewordenen Zahlen machen das deutlich.

Vor ein paar Monaten hieß es im Hause Blüm noch, 1996 würden die Beiträge zur Rentenversicherung höchstens von 18,7 auf 19,1 Prozent steigen. Dann wurden daraus still und heimlich 19,2 Prozent. Inzwischen weiß man, daß 19,4 notwendig gewesen wären. Und für das kommende Jahr schließt Blüm 19,8 Prozent nicht aus. Das wäre eine Erhöhung um 2,3 Prozentpunkte oder fast 30 Milliarden Mark innerhalb von nur drei Jahren.

Blüm mag die Sache noch so beschönigen: Einen derart massiven Anstieg in so kurzer Zeit hatten nicht einmal jene erwartet, die das Rentensystem sowieso für völlig marode halten. Schuld an den hohen Beiträgen ist freilich nicht das System, sondern die Beschäftigungskrise, deren Ausmaß und Beständigkeit immer wieder unterschätzt werden.

Bei den Rentenprognosen für 1996 war man noch von einer Zunahme der Arbeitsplätze um 240 000 ausgegangen. Doch die Beschäftigtenzahl wird abnehmen. Immer weniger Beitragszahler müssen damit für die Renten aufkommen.

Gleichzeitig ufern die Ausgaben der Rentenkassen aus - unter anderem wegen der wachsenden Zahl von Arbeitslosen, die mit sechzig in Frührente gehen. Allein im vergangenen Jahr waren es 300 000, fast sechsmal soviel wie 1992. Für weitere 500 000 ist die Frührente bereits vereinbart.