CAMBRIDGE, Massachusetts. - Alle reden von Asien, die Amerikaner wie die Europäer. In Deutschland bemühen sich Politik und Wirtschaft um eine längst überfällige neue Einstellung zu Asien. Die Vereinigten Staaten sind Europa auch bei dieser Entwicklung weit voraus. Aber sie verwechseln dabei häufig Visionen mit dem Machbaren. Die Europäer können aus den Fehlkalkulationen nur lernen. In jedem Falle werden sie von den Folgen betroffen.

Die Wachstumsraten der asiatischen Volkswirtschaften sind teilweise überwältigend. Die Weltbank schätzt, daß im Jahre 2020 unter den zehn führenden Wirtschaftsmächten sieben asiatische sein werden, mit China auf dem ersten Platz vor den Vereinigten Staaten. Die amerikanischen Exporte nach Asien übertreffen seit einiger Zeit die nach Europa. 1993 waren es 130 Milliarden Dollar zu 110, mit steigender Tendenz für Asien.

Wer kann da nicht nachvollziehen, daß sich die Neue Welt mit typisch amerikanischer Energie auf das "asiatische Jahrhundert" vorbereitet, und zwar quer durch Wirtschaft und Gesellschaft. Das geschieht beispielsweise mit Hilfe hochmotivierter asiatischer Immigranten, die das Land verjüngen und zugleich dynamisieren (ein Fünftel der Harvardstudenten sind heute asiatischen Ursprungs), ein Faktor, den sich Europa versagt.

Bei genauerem Hinsehen erweist sich jedoch die ökonomische Hinwendung zu Asien als höchst zweischneidig. Zuerst die quantitative Dimension: Sicherlich, die Exporte boomen, aber die Importe von dort stellen alles in den Schatten. Die Folge ist ein gigantisches Defizit im Handel mit Asien. Von dem zwischen 1980 und 1993 akkumulierten Gesamtdefizit der USA in Höhe von 1,25 Billionen Dollar entfallen 882 Millionen auf Asien und nur 10 Millionen auf Europa! Also praktisch ausgeglichener Handel mit Europa und Riesendefizite mit Asien, ohne daß eine Änderung dieses Verhältnisses in Sicht ist.

Ebenso wichtig ist die qualitative Dimension: Im Handel mit Asien produzieren die Vereinigten Staaten bei Rohstoffen und Nahrungsmitteln einen Überschuß und bei höherwertig produzierten Gütern (wie auch viele Entwicklungsländer) ein riesiges Defizit. Auch bei den Direktinvestitionen widerspricht die Realität gängigen Klischees. Sie kommen aus Europa und nur etwa zu einem Viertel aus Asien. Umgekehrt setzt die amerikanische Wirtschaft immer noch größeres Vertrauen in Europa als in Asien, denn sie investiert in der Alten Welt doppelt soviel wie in den asiatischen Ländern.

Da mögen sich die Protagonisten von "Asia first" über die angeblich überholte Fixierung der Ostküstenelite auf Europa lustig machen, sie übersehen dabei jedoch, daß sich Amerika mit der neuen Ausrichtung auf Asien längst eine große Katastrophe ins Haus geholt hätte, wenn nicht der ausgeglichene Handel mit Europa, die atlantischen Investitionsbeziehungen (und neuerdings auch der europäische Tourismus) der US-Wirtschaft das Rückgrat gestärkt hätten.

Im politischen Bereich liegen die am häufigsten übersehenen Unwägbarkeiten des "asiatischen Jahrhunderts". Es steht außer Zweifel, daß Asiens strategische Bedeutung für die USA und die Weltpolitik noch zunehmen wird. Aber die Strukturfragen dieser Region sind völlig offen: ob die großen Mächte miteinander auskommen werden, ob der Friede erhalten bleibt, ob China eine maßvolle Außenpolitik betreiben wird, ob sich die wachsende ökonomische Interdependenz politisch organisieren läßt. Die Liste ließe sich verlängern.