Ein Soldat, noch wahrscheinlicher ein Zivilbeamter der deutschen Besatzungsmacht, streift kurz nach der Eroberung durch das gefallene Warschau. Er entdeckt eine ihm fremde, eine für alle Heutigen verlorene, von uns Deutschen zerstörte Welt: die Gebäude, Straßen und Plätze der Altstadt, Kirchen, Brücken und Denkmäler, vor allem aber die Menschen jenes Herbstes 1939. Wir sehen in Gesichter von Wehrmachtsoldaten und Warschauer Passanten. Die Kamera fängt offene, manchmal freundliche, zumeist aber unsichere und skeptische Blicke ein. Noch gibt es das Ghetto nicht, noch trägt hier niemand den gelben Davidstern. Nicht der Holocaust ist das Thema der Photosammlung, sondern die Zeit unmittelbar davor. Der Bildband zeigt nicht die Hölle, sondern ihren Vorhof. Der heutige Betrachter hat Kenntnis von dem, was kurze Zeit später geschehen wird, die abgebildeten Menschen dagegen wissen noch nicht, was sie erwartet. Aber liegt nicht bereits eine geheime Ahnung in manchen Gesichtern?

Der 35jährige Journalist Stefan Rammer, bis 1989 Mitarbeiter von Peter Steinbach bei der Ausstellung "Widerstand im Nationalsozialismus", hat mit seinem früheren Mentor einen beeindruckenden Bildband herausgegeben. Im Frühjahr 1993 hatte der Passauer Photograph Michael Greins in einem Nachlaß einige verstaubte Filmrollen entdeckt.

Fünf Jahrzehnte hatten sie auf einem Dachboden gelegen. Der Name des Photographen konnte bis heute nicht ermittelt werden. Aber er hat uns ein unschätzbar wertvolles Dokument einer Stadt hinterlassen, die Andrzej Szczypiorski in einem einleitenden Essay als "Atlantis des 20. Jahrhunderts" bezeichnet, als "Lebenszeugnis einer Gesellschaft, die sich vor Jahrhunderten in Polen bildete, die aber vor fünfzig Jahren der totalen Vernichtung zum Opfer fiel".

Wie Szczypiorski entdeckte auch Wladyslaw Bartoszewski in den Bildern von damals die eigene Kindheit wieder. Sein Beitrag über das Warschau des Jahres 1939 bereichert den Band ebenso wie frühere Texte von Opfern des Holocaust wie Jizak Katzenelson, Janusz Korczak oder Adam Czerniakow.

Als bewußten Kontrast zu diesen Zeugnissen der Humanität und des Mutes haben sich die Herausgeber aber auch entschieden, die schlimmsten Dokumente der Menschenverachtung zur Kenntnis zu geben: Reden von Heinrich Himmler, Hans Frank und Hermann Göring.

Die Aufnahmen und kurzen Texte sagen uns mehr über das politische Klima jener Zeit, als es auch die beste wissenschaftliche Abhandlung je könnte. Zu wünschen wäre, daß dieser Band demnächst auch in Polen erscheint. Denn auch wenn es die Welt von damals nicht mehr gibt, so ist und bleibt sie doch ein Teil von uns allen. Insofern kann das Buch demnächst auch zum Verständnis von Deutschen, Polen und dem jüdischen Volke beitragen.

Es war einmal