Berlin Physik und Französisch fallen heute aus. Die achte Klasse geht auf Exkursion. Im Kulturzentrum Schloß Biesdorf trägt der indische Schriftsteller Rajvinder Singh Gedichte, Lieder und Erzählungen vor. Vorbereiten mußten sich die Gymnasiasten aus Berlin-Marzahn nicht; das ist fast so gut wie ein freier Tag. Singh erzählt die Geschichte eines jungen Sikh, seine Geschichte: privilegierte Kindheit, Schulzeit im Internat, politischer Kampf gegen Armut und Unterdrückung in Indien, Leben im Untergrund, schließlich die Flucht nach Deutschland. Die Dreizehnjährigen vom Gymnasium Hohenschönhausen unterdrücken ihr Lachen, als Singh Lieder auf Punjabi vorträgt. Doch allmählich hören sie konzentriert zu.

Diesen Inder mögen sie.

Wie kam es zu dieser Begegnung? Irgendwann war in der Klasse das Wort "Polensau" gefallen. Es galt einer Schülerin. Deren Mutter drängte die Lehrerin, etwas gegen die Ausländerfeindlichkeit zu tun. Diskutiert hat die Klasse den Vorfall nicht. "Man darf die Schüler nicht so direkt mit dem Thema konfrontieren", meint die Lehrerin. Wie aber geht es indirekt? Man wandte sich an die Berliner Initiative "Courage gegen Fremdenhaß". Die schickte Herrn Singh.

"Courage" ist ein Projekt, das der Schriftsteller Peter Schneider initiiert hat, zusammen mit Kollegen wie Hans Christoph Buch, F. C. Delius und Sten Nadolny, Künstlern wie Otto Sander und Peter Ensikat, Journalisten wie Inge Deutschkron. Als nach Rostock, Mölln, Solingen und Hoyerswerda Asylbewerberheime brannten, wollten sie etwas tun, um die zivile Gesellschaft zu verteidigen. Sie gründeten einen Verein, der sich überwiegend aus Spenden finanziert.

Seit dem Sommer 1993 gehen sie in die Schulen. Mit den Schülern diskutieren sie anhand von Erzählungen, Theaterszenen, Filmen, Kabarettnummern über Fremdenhaß und Zivilcourage. Sie erzählen auch von eigenen schmerzlichen Erfahrungen. Mehr als die Hälfte der rund sechzig Aktivisten sind in Berlin lebende ausländische Künstler, Journalisten und Wissenschaftler.

Rajvinder Singh ist einer von ihnen. Mit der Schulklasse aus Hohenschönhausen ist es ihm ergangen wie mit anderen Schulen im Osten Berlins.

Die Schüler sind selten auf den Courage-Unterricht vorbereitet.