Knapp vier Millionen Arbeitslose sind im vereinten Deutschland gemeldet, die Zahlen nähern sich bedrohlich denen aus der Spätphase der Weimarer Republik. Kirchen, Gewerkschaften und Wohlfahrtsorganisationen beklagen einen Klimasturz in Wirtschaft und Gesellschaft, eine grassierende "soziale Kälte". Eine Kündigungswelle nach der anderen rollt durch die deutsche Wirtschaft, und die Gewinne steigen wieder. Trotzdem - oder gerade deshalb? Kann dies den Unternehmern gleichgültig sein?

Die Bundesregierung hat sich nach monatelangem Zögern jetzt zwar zum Handeln entschlossen; doch auch das am Dienstag verkündete Notprogramm für Beschäftigung und Investitionen verstärkt eher noch die Sorge, daß ein elementares Merkmal der Bonner Republik zur Disposition stehen könnte: das Soziale an der sozialen Marktwirtschaft.

Es klingt wie Hohn, wenn Daimler-Benz den Abbau von Tausenden von Arbeitsplätzen verkündet und die Börse diese Meldung mit steigenden Kursen belohnt; immerhin ist der Absturz des größten deutschen Industriekonzerns zu einem erheblichen Teil auf Managementfehler und gescheiterte Managervisionen zurückzuführen. Für jene, denen jetzt die Entlassung droht, ist es da nur ein schwacher Trost, wenn Konzernlenker Jürgen Schrempp die "moralische Verantwortung" für seinen Anteil an der Misere übernimmt. Das Entscheidende ist: Welche Verantwortung wollen und können Unternehmen überhaupt noch gegenüber der Allgemeinheit übernehmen? Gegenüber einer Gesellschaft zumal, die für all die Arbeitslosen und Frührentner bezahlen muß, die bei der Verschlankung und Rationalisierung auf der Strecke bleiben. Die Frage betrifft nicht nur die sprichwörtlichen "Nieten in Nadelstreifen". Sie rührt vielmehr an das Verhältnis von Wirtschaft und Gesellschaft - und daher unmittelbar an das Selbstverständnis der Republik.

"Eigentum verpflichtet" - der heute so altmodisch klingende Satz kam ins Grundgesetz, weil dessen Väter und Mütter noch selbst miterlebt hatten, wie soziale Spaltung und Klassenkampf in der Weimarer Republik Hitler den Weg zur Macht ebneten. In der Bundesrepublik wurde der Satz zwar nicht immer ernst genommen, prägte jedoch als moralischer Imperativ viele wirtschaftspolitische Entscheidungen.

Westdeutschland entwickelte einen eigenen Typus von Konsenskapitalismus, dessen Besonderheiten den Deutschen just in dem Augenblick bewußt werden, da sie nicht mehr selbstverständlich sind. Zu Zeiten des Wirtschaftswunders waren soziale Pflichten für Unternehmen kaum ein Problem, da diesen schon das Eigeninteresse gebot, durch soziale Vergünstigungen für eine loyale Belegschaft zu sorgen.

Heute, da nicht die Arbeitskräfte, sondern Arbeitsplätze knapp sind, sieht die Welt ganz anders aus. Nicht Sozialpflichtigkeit, sondern die möglichst freie Verfügung über Eigentum gilt als bester Weg, die allgemeine Wohlfahrt zu erhöhen. Unternehmen, so heißt es, kommen ihrer sozialen Verantwortung am besten dadurch nach, daß sie Gewinne erwirtschaften. Der Satz ist richtig und trivial zugleich. Richtig, weil nur ein profitables Unternehmen Arbeitsplätze schaffen kann, trivial, weil er auf die entscheidende Frage gar nicht eingeht: Wieviel Gewinn ist ausreichend?

Die deutschen Unternehmen haben bisher im internationalen Vergleich eher mäßig verdient, jedenfalls gemessen am ausgewiesenen Bilanzgewinn.