Der Autor dieses bemerkenswerten Buches, Direktor des Center for Russian and East European Studies an der Stanford University, erlebte Mitte der sechziger Jahre als Student beim Besuch Ost-Berlins erstmals persönlich die DDR. Seitdem hat ihn dieses Thema nicht mehr losgelassen. Was solide wissenschaftliche Forschung mit langem Atem, Zähigkeit und hoher fachlicher Kompetenz auf einem äußerst schwierigen und kontroversen historischen Untersuchungsfeld wie dem der sowjetischen Politik in Deutschland leisten kann, dafür ist diese Studie ein glänzendes Beispiel.

Naimarks Geschichte der sowjetischen Besatzungszone ist keine chronologische Verlaufsgeschichte traditionellen Zuschnitts. Die acht Kapitel richten den Blick vielmehr auf zentrale Problembereiche, die über die engere Geschichte der Besatzungszone hinaus erkennen lassen, welche prägenden Strukturen und Erfahrungen zum Verständnis der Entstehung und der inneren Schwäche der DDR von besonderer Bedeutung sind. Diese Schwerpunktsetzung resultiert gleichermaßen aus der profunden Kenntnis des Autors über sowjetische Politik wie der langjährigen engagierten Beobachtung der Geschichte Ostdeutschlands und Osteuropas. Damit erhält diese Darstellung, die auf umfangreichen Archivrecherchen in Moskau, Berlin, Koblenz und in den USA fußt, ihren besonderen Reiz.

Naimark gehört zu den wenigen, die das Glück hatten, Akten der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) in Moskau auswerten zu können, bevor sie im Sommer 1992 von Jelzin vorläufig wieder gesperrt wurden. Der Autor konzentriert sich auf die sensitiven und insbesondere auf die früher in der DDR mehr oder minder verschwiegenen Themenbereiche und erzählt plastisch und zugleich reflektiert eine dramatische Geschichte.

So fällt gleich das zweite und längste Kapitel ins Auge, das dem zu DDR-Zeiten total tabuisierten Thema "Sowjetische Soldaten, deutsche Frauen und das Problem der Vergewaltigung" gewidmet ist. Vertreter der SMAD warnten zwar vor den verheerenden Folgen des brutalen Verhaltens der Truppen für die politischen Ziele der Sowjetunion in Deutschland, aber eine Disziplinierung wurde bis 1948 weder konsequent gewollt, noch gelang sie, wo man es versuchte. Insofern war psychologisch die Besetzung Deutschlands die Fortsetzung des Krieges, wie der Verfasser zugespitzt formuliert.

Dem westlichen Leser ist vieles bekannt, aber nirgends wird er einerseits eine so schonungslose, andererseits aber auch um Differenzierung und Erklärung bemühte, kluge Darstellung finden.

Nicht weniger verheerende Folgen hatte das Verhalten der Roten Armee für die SED, deren Spitze (insbesondere Ulbricht) bewußt zur Tabuisierung des Themas beitrug. Eine Schlüsselszene bietet Naimark in der Darstellung der öffentlichen Diskussion um den berühmten Artikel Rudolph Herrnstadts im Neuen Deutschland vom 18. November 1948: "Über ,Die Russen` und über uns", veranstaltet von der "Gesellschaft für das Studium der Kultur der Sowjetunion".

Die Debatte fand unter der Berliner Bevölkerung enorme Resonanz.