Um vierzehn Uhr muß ich beim Zahnarzt sein. Sechs Kilometer liegen noch zwischen mir und dem Bohrer. Winterlich verpackt, sitze ich, Nichtautofahrer aus Überzeugung, auf meinem Rad und strampele.

Wie spät mag es sein? Schaffe ich es noch? Der Blick auf die unter Pullover, Jacke und Mantel tief vergrabene Armbanduhr ist mir verwehrt; um sie abzulesen, müßte ich anhalten und drei Schichten Ärmel hochstreifen. Wertvolle Zeit! Eine Normaluhr, ein Königreich für eine Normaluhr!

Früher war sie eine ganz alltägliche Erscheinung, und niemand wäre je auf die Idee gekommen, Aufhebens um sie zu machen. Wo verabredete man sich? Unter der Normaluhr (so zumindest in Abertausenden von Bildern, in denen er mit Blumen in der Hand - natürlich! -

wartete: auf sie, die - natürlich! - Unpünktliche).

Kürzlich war ich auf dem Bahnhof einer norddeutschen Großstadt, in beiden Händen schwere Gepäckstücke, die ich erst hätte absetzen müssen, um auf meine Uhr zu sehen. Also sah ich mich nach einer Normaluhr um. Vergeblich. Erst später, auf dem Bahnsteig, sah ich sie endlich, die klassische, runde Bundesbahnbahnhofsnormaluhr.

Wie war es früher? An oder vor jedem öffentlichen Gebäude, ob Rathaus, Stadtwerke, Postamt, fand sich eine Uhr. Ein Kirchturm ohne Uhr? Nicht auszudenken! Heute stehen in meiner Nachbarschaft gleich zwei Kirchen modernerer Architektur. Die Uhr, diese unerbittliche Mahnerin unserer zeitlichen Begrenztheit, hat man bei beiden einfach vergessen.

Früher schmückten Geschäfte ihr in die Straßen ragendes Neon-Logo mit einer Uhr, nachts natürlich beleuchtet. Das sieht man heute kaum noch. Ich lebe in einer Stadt mit über 200 000 Einwohnern - und kenne nur eine einzige "klassische" Normaluhr (also eine Art viereckiger Litfaßsäule, Reklameteil am Sockel, vier Zifferblätter oben, eines für jede Himmelsrichtung), die ist seit Jahren krank.