Jurij, Wladimir, Alexandr und Wiktor sind einen weiten Weg gefahren: 22 Stunden haben die Bergarbeiter aus der Siedlung Talowyi im Süden Rußlands für die 1000 Eisenbahnkilometer nach Moskau gebraucht.

Nun stehen die vier mit 800 weiteren Kumpels aus allen großen Bergbauregionen Rußlands den dritten Tag vor dem Weißen Haus in Moskau und schlagen mit ihren Helmen auf den eisigen Boden. Sie wollen endlich ihren Lohn. "Seit Oktober haben wir kein Geld mehr bekommen", schimpft Jurij Popow. "Ich bin jeden Tag zehn Stunden im Schacht und kann mir nicht einmal mehr Fleisch leisten."

Die Kumpel sind nicht die einzigen, die seit Monaten auf ihre Löhne warten: In St. Petersburg sind vergangene Woche Gewerkschaftsvertreter von sechzehn Hochschulen in den Hungerstreik getreten, weil sie seit zwei Monaten kein Gehalt mehr bekommen hatten. Die Bajkal-Amur-Magistrale - eine Eisenbahnstrecke, die die Bajkal-Region mit dem Fernen Osten verbindet - wird derzeit nicht weitergebaut, da die Arbeiter in der Einöde von der Regierung in Moskau offensichtlich vergessen worden sind. Auch der Lada-Produzent AwtoWas, den Wladimir Kadannikow bis zu seiner Ernennung zum stellvertretenden Premierminister in der vergangenen Woche geleitet hat, kann seit November nicht mehr die Löhne auszahlen.

Daß Arbeiter und Angestellte in Rußland auf ihr Geld warten müssen, ist nichts Neues. Bereits zu Gorbatschows Zeiten kam es vor, daß der Staat sich vor der Arbeiterklasse zahlungsunfähig erklärte.

Seit der Preisfreigabe im Januar 1992 ist die Schuldenkrise in Rußlands Wirtschaft jedoch chronisch geworden. Im vergangenen Jahr haben selbst Minister zeitweise kein Gehalt bekommen.

Angesichts der katastrophalen Zahlungsmoral von Staat und Unternehmen scheint es erstaunlich, daß sich in Rußland nicht längst die Mehrheit der Beschäftigten im kollektiven Dauerstreik befindet. Doch die meisten Russen haben sich den neuen Verhältnissen angepaßt - und notgedrungen eine oder mehrere inoffizielle Einnahmequellen aufgetan.

Nach einer Erhebung des Staatlichen Statistikkomitees (Goskomstat) ist der Anteil von Löhnen und Gehältern am Bruttosozialprodukt von 1992 bis 1995 ständig gefallen: von rund siebzig Prozent auf inzwischen nicht einmal mehr vierzig Prozent. Den größten Anteil des Einkommens machen mittlerweile die sogenannten "Einnahmen aus Eigentum und unternehmerischer Tätigkeit aus".