Pont-de-Vaux Was hat die Umwelt schon mit Europa zu tun? Aber gut, die Lehrerin wollte es so, also fragt die zwölfjährige Schülerin im Collège des Bauerndorfes Pont-de-Vaux brav den Europaminister: "Was nützt Europa der Umwelt?" Michel Barnier erzählt sogleich von den Kormoranen rund um Pont-de-Vaux: "Sie haben sich zu stark vermehrt und bedrohen nun mit ihrem großen Hunger manche Fischarten. Wir müssen deshalb ihre Vermehrung verhindern, wollen sie aber nicht töten. Also gilt es, die Kormoraneier zu sterilisieren. Weil diese Vögel aber in Dänemark brüten, müssen wir das mit der dänischen Regierung abstimmen." Den Kindern leuchtet das ein. Später dann spricht Michel Barnier in einfachen Worten von den Weltkriegen, lobt den nun fünfzigjährigen Frieden in Europa, erklärt, daß die Kinder schon in wenigen Jahren für einen Besuch in ihrer schwäbischen Schwestergemeinde kein Geld mehr umtauschen müssen. Europa? Die Schüler ahnen seine Bedeutung. Zum Schluß beglückt Monsieur le ministre sie mit Euro-Anstecknadeln und -Kugelschreibern.

"Ich bin 45 Jahre alt, verheiratet und habe drei Kinder", so hatte sich Michel Barnier der Collège-Klasse vorgestellt. In Deutschland dürfte er Sportsfreunden und Umweltschützern bekannt sein: Zusammen mit Jean-Claude Killy organisierte er 1992 die umstrittenen Olympischen Spiele von Albertville. In die Politik zog es ihn früh: Mit 27 Jahren war er der jüngste Abgeordnete des Landes, vier Jahre später saß er dem Generalrat seines Heimatdepartements Savoyen vor.

1993 wurde er Umweltminister, nicht gerade ein wichtiges Amt in Frankreich. Immerhin: Einige bescheidene Erfolge gelangen dem Pragmatiker. Im Präsidentschaftswahlkampf setzte er sich für Edouard Balladur ein. Er durfte dennoch im Kabinett bleiben. Jacques Chirac hält ihm seine Fairneß zugute. Als Europaminister spielt er nun eine größere Rolle in der Politik: Er betreut ein umstrittenes Thema und hält seine Hand am Puls des Volkes. Das imponiert dem Präsidenten, der sich gern volkstümlich gibt. Barnier gehörte 1992 zu den wenigen gaullistischen Abgeordneten, die den Maastricht-Vertrag unterstützten; er soll den damaligen Gaullistenchef Chirac zu einem lauwarmen Ja bewogen haben. Er tritt unauffällig auf, dennoch ist er eines der wenigen Regierungsmitglieder, die in Umfragen positiv abschneiden.

Michel Barnier ist viel auf Reisen. Fast jede Woche einmal in Brüssel und Straßburg, Besuche in EU-Mitgliedsländern und beitrittswilligen Staaten - oder in der tiefen Provinz. Als "Advokat Frankreichs in Europa und als Fürsprecher Europas in Frankreich" sieht er sich. Letzteres sei eine besonders "knifflige Aufgabe".

Bei deren Lösung kommt ihm eine Schwäche zugute: Michel Barnier ist ein mäßiger Redner; er spricht leise und glanzlos; oft wirkt er hölzern, ja fast schüchtern. Fern vom glatten politischen Parkett kommt das gut an. Frauen finden, daß er gut aussieht: 1,89 Meter, europablauer Blazer, früh ergrauter Haarschopf, ein klarer Blick. Und er kann zuhören. Da er nur mit zwei, drei Mitarbeitern reist, ist er auch nahbar. Er habe eine Heidenangst, erklärt Barnier, sich "in der Wärme von Ministerien abzukapseln und den Draht zu den Bürgern zu verlieren. Ich komme nie mit denselben Ideen von einer Reise durch die Provinz zurück, wie ich sie am Morgen bei der Abreise hatte."

Beim Aufbruch in die France profonde sind die Pariser Straßen noch leer. Punkt acht Uhr spricht Michel Barnier schon in einem Kellergewölbe der Lyoner Altstadt vor Unternehmern. Die vorsichtige Bourgeoisie dieser diskreten Handelsstadt ist durch den heftigen Streit um die europäische Integration offenkundig aufgeschreckt.

Der Minister wird bombardiert mit Fragen: Was wird aus der Euro-Währung?