Vielleicht ist Jérome Seydoux Fornier de Clausonne tatsächlich ein so nobler Herr, wie es sein Name vermuten läßt. Wenn dem so ist, ginge die französische Tageszeitung Libération rosigen Zeiten entgegen. Denn der Konzernherr Seydoux hat seit voriger Woche das Sagen bei dem ebenso aufmüpfigen wie angesehenen Linksblatt. In der Pariser Presselandschaft hat man sich freilich an düstere Nachrichten gewöhnt: Vor kurzem machte Info-Matin dicht; France-Soir kämpft ums Überleben; der Figaro soll verhökert werden; und wenn Le Monde nicht zu schwarzen Zahlen zurückfindet, werden auch dort bald die Financiers das Sagen haben.

Die Diagnose ist stets dieselbe: immer weniger Leser, viel zuwenig Anzeigen, viel zu hohe Produktionskosten. Die Franzosen sind faule Zeitungsleser; die Republik zählt fünfmal weniger Tageszeitungen als Deutschland und kaum mehr als das kleine Norwegen. Verstummt nun gar die in der französischen Informationseinöde so wohltuend freche Stimme von Libération? Der Name des Blattes bedeutet Befreiung . . . Statt dessen ist es nun wirtschaftlich gefesselt. Journalistisch geknebelt ist es (vorläufig?) nicht.