ZDF, Donnerstag, 1. Februar: "live" In der Alten Oper zu Frankfurt trat eine Elefantenrunde zusammen. Chefs von Ländern und Fraktionen sollten über das Aktionsprogramm der Regierung - zwei Millionen Arbeitsplätze bis zum Jahr 2000 - streiten; es war die Bundestagsdebatte in Talk-Form. Wird das "Bündnis für Arbeit" irgendwas an der Massenarbeitslosigkeit ändern? Will man überhaupt was ändern? Kann man? Oder soll nicht vielmehr der am überholten Ideal der Vollbeschäftigung klebenden Öffentlichkeit gesteckt werden, daß es ab jetzt härter zugeht? Daß höchstens um den Preis ungeschützter Beschäftigungsverhältnisse, um den Preis also einer Amerikanisierung unseres Arbeitsmarktes, mehr Jobs zu schaffen sind?

Wer so denkt, sagt es nicht offen, fühlt sich aber modern. Otto Graf Lambsdorff variierte müde das liberale Diktum vom Staat, der die Wirtschaft kaum je fördert, dafür ständig ärgert. Schäuble, der, ganz wie Kohl, vom TV-untauglichen Gestus des "Was wollen Sie eigentlich von mir?" nicht loskommt, überzeugte erst recht nicht. Seine Abschätzigkeit gegenüber fragenden Journalisten und einwendenden Kollegen ist Gift für die Debatte und immer ein Bumerang. Wer nicht hinhorchen mag, dem mag man auch nicht zuhören. Pathetisch-defensiv argumentierte Lafontaine, der ein ums andre Mal über geschlossene Kultureinrichtungen und abgebaute Krankenhausbetten die Hände rang - im Zeitalter des schlanken Staats ist das keine gute Idee. Als er bei der Abschaffung der Vermögensteuer angelangt war, ließ Lambsdorff ihn auflaufen: Beschweren Sie sich in Karlsruhe! Ach, auch die SPD denkt längst nicht mehr so sozial, wie ihr Häuptling hier vorgab: Das waren Phrasen fürs Fußvolk.

Ist das Publikum so dumm? Es spürt, daß das Gute höchstens noch gewünscht, aber nicht mehr getan werden kann, weil angeblich das Geld fehlt. Und es hat vielleicht noch am ehesten Joschka Fischer zuhören mögen, der immerhin zugab, daß die Lage ernst ist und hoffnungslos werden könnte, wenn es mit der Beschäftigung weiter bergab geht. Der soziale Frieden ist ein Wert an sich, auch wenn er keinen Preis hat. Vielleicht ist dieser Frieden zu alt und zu lange schon stabil, als daß Politiker sich sein Ende überhaupt noch vorstellen können.

Bedingungen schaffen fürs reibungslose Geschäftemachen - darauf schnurrt Politik, scheint's, neuerdings zusammen. Alles weitere käme dann schon. Die Krankenhausbetten können wieder aufgebaut werden, wenn erst die Rendite steigt und damit das Steueraufkommen. Worauf man setzt, ist der alte Fetisch Wachstum. Auch hier ist Fischer der einzige, der offen zweifelt, ob dieser Weg noch gangbar ist. Und dem man abnimmt, daß er selber glaubt: So wichtig es ist, daß der Rubel rollt - Politik ist mehr als Vorsorge für die Kasse.

Fernsehen auch. Wenn es stimmt, daß es sein Niveau einbüßt, so liegt das daran, daß es ein Geschäftszweig geworden ist, der zum Geschäftemachen ermuntert. Warum war diese "live"-Sendung die letzte, wie Moderator Herles verkündete? Hat die Sektkellerei Fürst von Metternich, mit deren "freundlicher Unterstützung" das Programm lief, den Vertrag gekündigt?