In ganz Europa gilt die deutsche Demokratie, gilt ihr Sozialstaat noch immer als Modell. Von innen betrachtet, ist dieses Muster jedoch gefährdet. Wieviel ist die politische Stabilität auf Dauer wert, wenn ihre wirtschaftlichen und sozialen Fundamente bröckeln? Blickt man auf die goldenen Jahre der Nachkriegszeit zurück, so war die reale Verfassung der Bundesrepublik von einer doppelten Erfahrung bestimmt. Erstens: Jeder, der will, findet Arbeit. Zweitens: Wer aus dem Arbeitsleben ausscheidet, nimmt weiterhin an Wohlstand und Wachstum teil.

Zwei Institutionen marktwirtschaftlicher und sozialstaatlicher Realität haben in der Vergangenheit die Verfassungswirklichkeit stärker geprägt als viele Normen des Grundgesetzes: die Vollbeschäftigung und die dynamische Rente. Erst sichere Arbeit, dann gesicherte Rente: Wenn zunächst die eine Erfahrung, dann die andere Erwartung aus dem Blick gerät, greift dies tief in die politische und psychologische Verfassung des Landes ein.

Von Vollbeschäftigung ist schon seit zwanzig Jahren nicht mehr die Rede. Jetzt sind wieder vier Millionen Deutsche als arbeitslos gemeldet. Dabei wirkt die Statistik noch als Weichzeichner der Realität: Tatsächlich fehlen sechs Millionen Jobs. Da darf sich niemand wundern, daß nun auch die zweite Institution unserer sozialstaatlichen Verfassung unter Druck gerät - die seit fast vierzig Jahren unsere Lebenserwartung prägende dynamische Rente. Es war kein bloßer Zufall und auch kein Einfall nur der Wahlkampfregie, daß in der vorigen Woche zwei hitzige Bundestagsdebatten aufeinander folgten - über das Bündnis für Arbeit die eine, über die Sicherheit der Renten die andere. Massenarbeitslosigkeit und massenhaft sichere Renten - das reimt sich nicht.

"Die Arbeitsplätze sind sicher", niemand wagt es, einen solchen Satz zu formulieren. Woher aber der Mut zum unablässig wiederholten Mantra: "Die Renten sind sicher"? Gewiß, zur Angstmache besteht kein Anlaß. Noch hat jeder Renter sein Geld bekommen; bisher haben die Ruheständler an der Entwicklung des allgemeinen Wohlstandes auf eindrucksvolle Weise teilgenommen. Aber wie lange wollen die Gesundbeter so tun, als sei das System unserer Altersversorgung wie von Gottes Gnaden ewig über alle Zweifel erhaben?

Als das System der dynamischen Rente eingeführt wurde, war damit ein dreifaches Versprechen verbunden. Das erste Versprechen galt der strikt beitragsbezogenen Rente; nur die eigene Leistung im Arbeitsleben sollte als Meßgröße für die Bezüge im Ruhestand gelten. Die zweite Zusicherung hieß: Die Höhe der künftigen Rente bleibt der politischen Einflußnahme (oder Manipulation) entzogen. Die dritte Zusage schließlich, die den Titel "dynamische Rente" begründete: Die Rentner nehmen am Wohlstandszuwachs der Erwerbstätigen bis ans Ende ihrer Tage teil.

Aufs Ganze gesehen: eine Erfolgsgeschichte - bis zum heutigen Tage. Aber nun wird allmählich deutlich, daß all diese Garantien keine Selbstverständlichkeiten mehr sind und sein können. Zu oft ist an zu vielen Schrauben gedreht worden. Vor allem aber war die wichtigste Voraussetzung jeder umlagefinanzierten Altersversorgung schon früh ins Wanken geraten. Der "Generationenvertrag" müßte nämlich ein Vertrag nicht nur zwischen zwei, sondern zwischen drei Generationen sein. 1957 unterließ man es, in die Rentenformel ein "Kinderelement" einzufügen; Kinder, so dachte man naiv, kommen ohnehin.

Doch zu Beginn der sechziger Jahre wurde mit der Ausbreitung der Pille die Kinderzahl zu einer Frage der persönlichen Entscheidung, ja auch der Bequemlichkeit. Die Versicherten leisteten zwar ihre Beiträge, blieben aber ihren "Naturalbeitrag" zur Alterssicherung immer öfter schuldig, ohne daß die zur Elternschaft bereiten Arbeitnehmer einen Ausgleich zugesprochen erhielten. Seither kehrt sich die Alterspyramide um: Künftig werden immer weniger Erwerbstätige für immer mehr Rentner zuständig sein.