Johannes Ludewig genießt im Übermaß, was viele im Bonner Politikbetrieb trotz aller Verrenkungen nie erreichen: Publizität. Seit im vergangenen Jahr die Arbeit am 50-Punkte-Programm der Bundesregierung begann, gilt der beamtete Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium mehr denn je als heimlicher Lenker der Wirtschaftspolitik. Glücklich ist er nicht darüber: "Mein Bedarf an öffentlicher Aufmerksamkeit ist gering. Wenn Sie was bewirken wollen, leben Sie ein Stück davon, daß Sie hinter den Kulissen verschwinden." Das war in den vergangenen Wochen nicht gerade der Fall, "und das erschwert mir das Geschäft", sagt der 50jährige Hamburger bekümmert. Der Christdemokrat ist zwar seit Ende 1994 nicht mehr Abteilungsleiter im Kanzleramt und damit auch nicht Helmut Kohls direkter Berater. Doch hartnäckig hält sich die Auffassung, daß der Kanzler sich in wirtschaftspolitischen Dingen immer noch auf Ludewig verläßt.

Der Beamte protestiert energisch: "Ich bin nicht der Berater des Bundeskanzlers, ganz klar und eindeutig nicht, das käme mir auch völlig widersinnig vor." Allerdings münzen viele in Regierung und Unionsfraktion auf Ludewig den Satz, der im System Kohl als höchste Auszeichnung gilt: "Er hat das Ohr des Kanzlers." Wenn Ludewig diese Würde erklären will, verstrickt er sich unfreiwillig in ein Dementi seines Dementis: "Daß ein gutes Verhältnis zum Kanzler, das sich in elf Jahren enger Zusammenarbeit entwickelt hat, nicht von heute auf morgen endet, ist klar. Aber ich achte schon sehr darauf, daß auch die Kollegen im Kanzleramt ihre Rolle wahrnehmen können." So, wie Ludewig das sagt, ist es wirklich nicht arrogant gemeint.

Im November 1994, als seine Berufung ins Wirtschaftsministerium schon feststand, umriß er ein Ziel so: Er wolle in den nächsten Monaten zu einem Konsens über die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit kommen, mit allen Beteiligten, auch den Gewerkschaften. Damals klang das nicht selbstverständlich, schließlich lebte die Republik noch in der Erwartung eines Aufschwungs, der automatisch für mehr Beschäftigung sorgen sollte. Vierzehn Monate nach Ludewigs Absichtserklärung haben Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände und Regierung im Kanzlerbungalow das Bündnis für Arbeit geschlossen. Welchen Anteil daran hat der Mann, den ein Parteifreund als "Kohls Vielzweckwaffe für Ostdeutschland" beschrieb?

"Ich habe da vielleicht ein bißchen mitgeholfen, aber viele andere genauso. Der Kanzler hat das Bündnis durch die Institutionalisierung der Gespräche mit den Sozialpartnern Anfang 1995 politisch in Gang gebracht. Es hat sich bezahlt gemacht, daß man das Aufeinanderzugehen schon ein bißchen eingeübt hatte." Auch was seinen Beitrag zum Aktionsprogramm der Bundesregierung angeht, bemüht Ludewig sich darum, sein Licht unter den Scheffel zu stellen: "Die Rolle, die mir da zugeschrieben wird, ist maßlos überdreht." Wenn er versucht, seiner Stellung jede Besonderheit abzusprechen, formuliert er mit möglichst beiläufiger Stimme: "Ist doch normal." Der Mann ist eben an einem Bonner Jesuitenkolleg erzogen worden. "Das sind alles völlig normale Vorgänge; daß ich die Leitung gehabt habe, weil der Auftrag für das Aktionsprogramm an das Wirtschaftsministerium ging - Rexrodt kann doch nicht der Staatssekretärsrunde vorsitzen -, ist auch völlig normal."

Sein Parteifreund Hans-Peter Repnik, stellvertretender Vorsitzender der Unionsfraktion, sieht in Ludewig mehr als einen beamteten Staatssekretär, der nur seine pragmatische Rolle in der Verwaltung spielt: "Ludewig ist ein durch und durch politischer Kopf mit enormem Fleiß und Machtinstinkt." Durch seine Arbeitskapazität und Sachkunde habe er sich bei Kohl "bekannt und unentbehrlich gemacht".

Ludewigs Scheu vor Publizität ist keine Attitüde: Er weiß genau, daß er als Beamter nicht im Rampenlicht zu stehen hat. Das muß er den Politikern überlassen, und er leidet offensichtlich nicht darunter: "Ich bin immer froh, wenn jeder glaubt, daß er der Größte ist." Es läßt sich aber nicht ganz vermeiden, daß der Spot manchmal auf Ludewig strahlt. Zu gut paßt das Bild in die Rollenvorstellung der Medien: der in Wirtschaftsfragen weniger kundige Kanzler und sein gewandter Gehilfe mit dem Walroßbart, der hinter dem Rücken des Statisten Rexrodt die Fäden zieht und manchmal sogar den Fuchs Wolfgang Schäuble austrickst.

Aber ganz zutreffend ist dieses Bild eben doch nicht. Vieles von dem, was die Bundesregierung in der vergangenen Woche beschlossen hat, mußte Ludewig nur zusammentragen. Die mühselige Arbeit, heikle Maßnahmen auf ihre Durchsetzbarkeit zu prüfen, im voraus zu testen, ob die Unionsfraktion sie schlucken würde, hatte zu einem guten Teil bereits eine Arbeitsgruppe von CDU/CSU geleistet. Und mit zwei seiner wichtigsten Anliegen ist Ludewig auch gescheitert: Eine große Steuerreform, die er befürwortet, ist auf 1999 vertagt worden; die Finanzierung bestimmter Sozialleistungen über Steuern findet ebenfalls nicht statt. Ärgert er sich darüber? Nein, ist doch normal: "Ich mach' die Vorbereitung, ich bin nicht der, der entscheidet. Wäre ja auch merkwürdig, wenn sich einer in allem durchsetzt."